Leben der Juden im Alltag
Der geistliche und kulturelle Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde war das Gebetshaus in der Koblenzer Straße, das im Volksmund Judenschule genannt wurde. Man betrat das kleine, recht unscheinbare Haus von der Koblenzer Straße her, ging dann eine Treppe hinauf und trat auf eine Empore, von der man in den darunterliegenden Raum sehen konnte. Wie dieser ausgestattet war, läßt sich nur schwer nachvollziehen, da keine Bilder von diesem vorliegen. Einzig überliefert ist, daß an der Decke ein großer Kronleuchter hing. Rabbiner in der Zeit des zweiten Weltkrieges war Moritz Schmitz.
Die Kinder der Juden gingen in die gleiche Schule wie die katholischen Kinder. Immer wieder wird von den Matzen erzählt, die die jüdischen Kinder am Paschafest an ihre Mitschüler verteilten.
Die ersten Juden lebten alle in Häusern, die im alten Stadtkern, im Bereich des oberen Stadttors, heute Balduin- und Turnstraße, gelegen haben. Erst später wohnten sie auch außerhalb des alten Stadtkerns, so z.B. in Richtung Bahnhof, in der Hambucher Straße und Im Höfchen.
1920 stellte die jüdische Gemeinde Kaisersesch einen Antrag zur Errichtung eines eigenen Begräbnisplatzes. Bis zu diesem Zeitpunkt begruben die Kaisersescher Juden und die Juden der umliegenden Ortschaften Düngenheim, Hambuch, Masburg und Müllenbach ihre Toten auf dem Judenfriedhof in Binningen, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts fast die größte Gemeinde im Kreis Cochem-Zell war. Mit dem Schreiben vom 25.06.1920 beantragten die ca. 150 Seelen umfassenden jüdischen Gemeinden bei der Bürgermeisterei Kaisersesch diesen Begräbnisplatz. Dazu erstanden sie von Paul Ollig zum Preis von 2000 Mark ein Grundstück in der Flur 11 Nr. 559 auf Zentnerbach mit einer Größe von 9.74 ar. Vom Vorstand und der Repräsentantenversammlung wurde dieser Kauf am 14. und 15.08.1920 gebilligt. Bernhard Siegler und Abraham Mayer hatten die Niederschrift der Beschlüsse unterzeichnet.
Leute, die in dieser Flur Felder hatten, berichteten, daß während der NS-Zeit häufig Grabsteine umgekippt wurden. Zur Zeit der amerikanischen Besatzung wurden in dieser Sache mehrere Personen vernommen. Der Täter konnte allerdings nicht ermittelt werden.
Was die jüdischen Geschäftsleute in und um Kaisersesch durchzustehen hatte, zeigt ein Bericht aus dem Nationalblatt Mayen-Koblenz vom 17.09.1935, wo unter dem Titel " Wieder 4 jüdische Drecksbuden geschlossen" über die Schließung von Metzgereien und Bäckereien berichtet wird.
Wie die Nationalsozialisten versuchten gegen Judenfreunde vorzugehen, zeigt ein Brief, der von zwei Angehöhrigen der Amtsverwaltung geschrieben wurde. Dieser sollte die Freunde der Juden verunsichern und sie verspotten, wobei ihnen ersteres größtenteils auch gelang. Der Brief lautete folgendermaßen:
30.April.1942
Lieber Freund !
Du wirst wohl schon davon gehöhrt haben, daß wir heute mit Sack und Pack ausgezogen sind. Wir ziehen der Sonne entgegen ins gelobte Land - Polen -, wo uns Jehowa eine neue Heimat bereitet hat und wo wir endlich Ruhe vor den bösen Nazis haben werden.
Ich hätte mich gern persönlich von Dir verabschiedet, ich tat es nicht, damit die Nazis es nicht sehen sollten, daß Du mein Freund warst, sie würden Dich als Judenfreund verfolgen und beschimpfen. Ich weiß, daß Du kein Nazi bist und auch keiner werden willst. Du hast immer zu uns gehalten,ohne es nach außen zu zeigen. Jehowa, der Gott der Juden, wird es Dir einmal vergelten. Vorerst spreche ich dir auf diesem Wege den Dank all meiner Rassengenossen aus für die Treue, die Du uns in den schweren Tagen gehalten hast. Wir sind alle der felsenfesten Hoffnung, daß für uns auch nochmal die Trompeten von Jericho blasen werden. Dann werden wir mit großer Macht wieder in Kaisersesch einziehen und die bösen Nazis zum Teufel jagen. Dann bricht auch der Tag an, an dem wir die erwiesenen Wohltaten vergelten werden. Wir werden Dich in Amt und Würeden bringen und Du sollst mit uns herrschen über die Goims. Dann wird der gelbe Stern, den uns die bösen Nazis angeheftet haben und mit dem sie uns verspotten wollten, der höchste Ordensstern im Staate sein. Von den Weisen Zions habe ich heute schon den Auftrag, Dir lieber Freund diesen höchsten Orden zu verleihen. Es wird noch einige Zeit dauern, bis er Dir mit gro&stzlig;er Feuerlichkeit übergeben werden kann.Bewahre daher dieses Schreiben gut auf. Zeige es nicht den bösen Nazis, damit sie Dich nicht wie uns verfolgen.
Mit herzlichen Grüßen
Moritz Schmitz, Rabbiner