Juden in Kaisersesch nach 1945
Direkt nach dem Krieg lebten verständlicherweise keine Juden mehr in Kaisersech, aber 1959 gründete Arthur Kann einen Zweigbetrieb seiner in Emmelshausen ansäßigen Firma Sweeters Kansa. Er wurde 1930 geboren und überlebte im Gegensatz zu seinen Eltern den Holocaust. Allerdings meldete seine Firma, die Textliwaren herstellte, 1975 den Bankrott an.
1989 sollte die Sonderschule in Kaisersesch einen neuen Namen erhalten. Herr Pfalz, Lehrer an dieser Schule, hatte schon einmal mit seinen Schülern das Thema der Juden behandelt und schlug deshalb vor, die Schule nicht nach einer bekannten Persönlichkeit zu benennen, sondern nach der aus Düngenheim stammenden Jüdin Edith David, die am 30.04.1942 im Alter von 14 Jahren zusammen mit dem Kaisersescher Juden deportiert wurde. Aus diesem Grunde schrieb her Pfalz eine Brief an die Schwester von Edith David, die rechtzeitig in die USA ausgewandert war. In dem Brief werden die letzten Jahre von Edith und die allgemeine Situation in den Jahren der Judenverfolgung ein wenig beschrieben. Ich möchte darauf nicht näher eingehen, da es sich auf den Nachbarort Düngenheim bezieht. Eines möchte ich dennoch erwähnen. Auch in Düngenheim waren die Juden integriert und akzeptiert und hatten viele Freunde, wie der Brief zeigt. Nun aber zurück zum ursprünglichen Thema. Die Sonderschule wurde aus mir nicht bekannten Gründen, nicht nach Edith David benannt. Es ist schade darum, denn es wäre ein erster Schritt in Richtung Wiedergutmachung gewesen.
Ansonsten deutet nicht mehr viel auf die Juden hin, die immerhin ca. 80 Jahre hier lebten. Ihre Häuser und das Gebetshaus stehen zwar noch, aber es weist nichts darauf hin, daß Juden in ihnen lebten. Einzig allein der Judenfriedhof außerhalb des Ortes zeigt die Präsens der ehemaligen jüdischen Mitbürger. Auf diesem stehen 18 nur noch zum Teil lesbare Grabsteine.
Am 30.04.1992, dem fünfzigsten Jahrestag der Deportation, weihten die Kaisersescher Pfadfinder, unter der Leitung von Werner Lutz, eine Gedenktafel an der alten Molkerei, dem Ort der Deportation vor 50 Jahren, ein. Dabei wurde die gleiche Strecke zurückgelegt, die die Juden an diesem tragischen Tage zurückzulegen hatten. Eine zweite Gedenktafel wurde an der " Alten Schule " angebracht. Damit zeigte sich, daß sich auch heute noch, in der Zeit von neu auftretenden rechtsradikalen Gruppen, Menschen an unsere ehemaligen Mitbürger erinnern und ihnen gedenken.
Zwei Wochen nach dem Jahrestag traf dann unverhoffter Besuch in Kaisersesch ein. Joshua Liberson, Enkel von Bernhard Siegler, besuchte bei einer Reise durch Europa auch Kaisersesch, die Heimat seiner Vorfahren. Dabei wandte er sich an einen alten Freund seines Onkels Sylvian Siegler, nämlich Peter Klein, die zusammen zur Schule gegangen waren. Joshua Liberson wollte einerseits etwas über seine Vorfahren erfahren, konnte andererseits auch etwas von sich geben, was man hier in Kaisersesch noch nicht wußte. Wir besichtigten dann die Häuser der Juden in Kaisersesch, die Gedenktafeln und den Judenfriedhof, wobei ich als Übersetzer tätig sein mußte. Als wir dann auf dem Judenfriedhof waren, glaubte Joshua, daß seine Urgroßeltern, die etwa 1920 gestorben waren, hier begraben sein könnten. Aber da dieser Friedhof erst 1921 erbaut wurde, mußten seine Urgroßeltern in Binningen auf dem Judenfriedhof begraben sein, weil die Kaisersescher Juden dort ihre Toten bis zu diesem Jahr begraben hatten. Also fuhren wir nach Binningen und fanden dort Tatsächlich 3 Grabsteine, die mit dem Namen Siegler beschriftet waren, wobei die Vornamen nur schwer entziffert werden konnten. Im Glauben die richtigen Gräber gefunden zu haben, fuhren wir zurück nach Kaisersesch, wo Joshua seinen Onkel Sylvian anrief, ihm von seinen Entdeckungen erzählte und noch einige Fragen von mir beantworten ließ. Sylvian Siegler selbst war schon 1987, allerdings nur für einige Stunden, zu einem Klassentreffen in Kaisersesch gewesen, wobei er nur wenig Zeit zur Besichtigung der Veränderungen im Laufe der Jahre hatte. Mehr Zeit hatte da schon Joshua Liberson, der aber auch nur zwei Tage mit seiner Freundin in Kaisersesch blieb.