Eltern
Mein Vater war das jüngste von sieben Kindern, geb. am 19. August 1869. Im Alter von 35 Jahren, 1904 heiratete er die Bauerstochter Anna Scholz, geb. 10. November 18880 in Dürrkunzendorf, Kreis Neurode. Leider starb meine Mutter viel zu früh, mit noch nicht 54 Jahren, am 7. April 1934 an Unterleibskrebs. Sie wurde in Lewin, unserem Pfarrort, beerdigt, Wie damals üblich, wurden die Verstorbenen um Sterbehaus aufgebahrt. Jeder der wollte, konnte die Leiche noch mal sehen und mit Weihwasser besprengen, das neben brennenden Kerzen auf dem Tisch stand. Mit dem eigenen Pferdefuhrwerk, einem gewöhnlichen Ackerwagen, sind wir zur Kirche gefahren. Nach der Beerdigung war es üblich, mit den sechs Trägern und den anwesenden Verwandten kurz in einem Gasthaus einzukehren. Ein Traueressen im Sterbehaus schloß sich dem an.
Meine Mutter war eine zartfühlende Frau. Leidend war sie lange Jahre vor ihrem frühen Tode. Die vielen Arbeiten auf dem großen Bauernhof, die Sorgen um die eigene Familie, die vier fremden, ständigen Helfer und zur Erntezeit zusätzlichen Erntehelfer, gingen zu Lasten der Hausfrau. Meine Mutter hat viel gebetet!
Wir hatten von Tassau nach Lewin eine beschwerlichen und weiten Weg zur Kirche. Auf den ca. vier Kilometern war eine Steigung von gut 100 Metern. Meist ging die Mutter, wie andere Frauen auch, in die Frühmesse nach Lewin. Zuvor hat sie die notwendigen Arbeiten um Familie, Haushalt und ums Vieh erledigt. Dazu mußte Mutter um 4 Uhr aufstehen, denn länger als eine halbe Stunde dauerte der Weg über den Berg nach Lewin. Im Advent waten die Rorateämter schon um ½ 7. Da war es noch stockfinster, oft tiefer Schnee und stürmisch. Stallaternen beleuchteten den schmalen Fußpfad im Schnee, der oft verweht war. Meine Mutter kam oft sehr ermattet heim. Die letzten Jahre hat sie unterwegs ruhen müssen. Als die Mutter schon schlecht gehen konnte, fuhren wir sie im Sommer mit der Kutsche und im Winter mit dem Pferdeschlitten zur Kirche.
Als sich das Leiden der Mutter verschlimmerte, fuhr sie mein Vater ins Krankenhaus nach Nachod, im Böhmischen. Ich fuhr sie am 23. März 1934 mit der Droschke nach dem benachbarten böhmischen Dloucheý, an die Straße zum Autobus. Die Wege waren noch voll Schnee. Wir mußten neben den Wegen fahren. In die Droschke und dann ins Auto mußten wir die Mutter heben. Mein Vater fuhr mit ihr nach Nachod, Er kam abends wieder heim. Am Palmsonntag, 25.03., besuchte ich die Mutter um Krankenhaus. Lange habe ich nach ihr gesucht, bis ich ihr Zimmer fand. Sie hatte geweint. Jeder Patient hatte Besuch, nur die Mutter war noch allein. Mir selbst war das Wiedersehen auch nicht leicht. Ein Arzt hatte fünf Minuten zuvor zu mir gesagt, daß Mutter unheilbar die. Mich hatte diese schlimme Nachricht tief getroffen. Ich durfte es der Mutter nicht zeigen und vom Gesund werden und von daheim reden. Ich habe dann die Mutter gekämmt und ihr eine Flache Brunnen geholt. Sie hatte Durst. Auch meine Schwester Maria mit ihrem Mann kamen dann noch aus Schnella (Schlaney).
Wir haben Mutter ca. 10 Tage im Krankenhaus gehabt und sie abwechselnd besucht. Daheim lag sie nur noch einige Tage. Am 6.April holten wir mit einer Pferdekutsche einen Geistlichen aus Lewin zur Spendung der Sterbesakramente. An diesen Tag mußte ich schon oft denken. Wir waren alle im Krankenzimmer der Mutter versammelt, auch unsere ständigen Mitarbeiter. Die Arbeit ruhte. Der Geistliche war kaum eine Stunde weg. Wir saßen um den Tisch in der Küche. Der Vater hatte dem Kaplan vielleicht 2,- Mk gegeben. Das brachte ihm den Gedanken, daß es eigentlich auch ein Geschäft sei, das Krankenversehen. Ich habe dem Vater widersprochen. Da schlug er mit einem Fluch mit der Faust auf den Tisch und beendete die Debatte. Ich hatte das Gefühl, als wenn der gute Geist in uns, die wir um den Vater waren, brutal vertrieben worden wäre. Niemand hat mehr diesen Vorfall erwähnt, in mir aber wurde keine Ruhe.
Mein Vater war von hohem Wuchs. Ich habe ihn in Erinnerung als stets ehrlichen, korrekten, klugen und arbeitsamen Menschen. Die ersten Schuljahre ist er in die damals in unseren Dörfern noch üblichen Dorfschulen gegangen. In einer leerstehenden Bauernstube unterrichtete ein Mann aus dem Dorf! Er mußte über überdurchschnittliches Wissen verfügen. Jedes Kind konnte in acht Schuljahren lesen, schreiben und rechnen lernen. Alle Jahrgänge in einem Zimmer.
Mein Vater wurde 1909 Gemeindevorsteher. Dadurch hatte er viel Büroarbeiten. Mit den Männern der Gemeindevertretung wurde der Straßenbau von Kuttel nach Tassau beraten. Das Landratsamt in Glatz billigte dieses Vorhaben. Vermessungsleute arbeiteten den Plan aus. Von Seiten des Kreises wurde der Straßenbau finanziert. Die Pferdebesitzer fuhren von Tassau mit ihren Ackerwagen die Steine aus dem Steinbruch von Roman Welzel, der an der Straße lag, in die von Handarbeit mit Hacke, Schaufel und Radwer (Karre) vorbereitete Trasse. Steinklopfer schlugen die Steine zu Schotter für den Unterbau. Diese Schotter wurde dann auf der Trasse mit Schaufeln verteilt. Die einzige Maschine dabei war die Dampfwalze, die wir Kinder jeden Tag bestaunten. Waren die Steinchen festgewalzt, wurde roter Sand aus einer nahen Grube darüber geschaufelt und festgewalzt. Die Fuhrleute und Handarbeiter aus unserem Dorf erhielten für ihre Arbeiten keinen Lohn. Nur die Leute der Baufirma wurden bezahlt. 1914, noch vor Ausbruch des Krieges, war die Straße bis zu unserem Hofe fertig. An die Straßenränder wurden Ahornbäumchen gepflanzt.
Dann kam der Erste Weltkrieg 1914/1918. Alle gesunden Männer bis 45 Jahre wurden Soldat. Mein Vater mußte auch öfters zur Musterung, weil er am 2. August 1914 noch nicht 45 Jahre alt war. Nur sein Magenleiden hat ihn vor dem Kriegsdienst bewahrt. Mein Vater hatte es auch daheim nicht leicht. Zu seinen bisherigen Büroarbeit kamen noch die Kriegerfrauen mit ihren Anträgen auf Unterstützung, die dann auch noch vom Gemeindevorsteher ausgezahlt wurde. Drei Familien und sieben ledige Männer fielen im Krieg. Die Bauern mußten auch Heu, Stroh, Hafer und Vieh abliefern. Das erhielten sie zwar bezahlt, aber manch einer hat geschimpft darüber, wenn ich die Zettel mit dem Ablieferungssoll zu den Leuten brachte. Errechnet hat mein Vater die Ablieferungen nach der Anbaufläche und nach dem Viehbestand. Meine Schwester Maria und ich mußten in den Kriegsjahren oft "ems Dorf giehn", wie wir immer sagten. Gerne haben wir das nie getan!
1923 bekam unser Dorf Telefon. Auch dafür hat sich mein Vater sehr eingesetzt. Der Apparat war bei unserem Nachbarn Marwan untergebracht. Nach 1918-1923 kam die Geldentwertung. Auch die ärmsten Menschen hatten zuletzt Scheine zu 1 Million oder Milliardenscheine. Wir Burschen hatten in dieser Zeit alle viel Geld. 200,-Mk mußten wir für ein Stück Torte bezahlen. Ein Beispiel: Ein Fleischer aus Lewin ließ mittwochs ein fettes Schwein bei uns abholen. Es wurde, wie alles Vieh, auf unserer Viehwaage gewogen. Der Fleischerjunge sagte wie üblich: "Sonntag beim Meister das Geld einholen!" Das tat mein Vater auch. Er wollte mit dem Geld beim Meier-Schuster die Schumacher-Rechnung bezahlen. Dort ließen wir für unsere Leute und für die Familie arbeiten. Das Schwein hat gerade für ein Paar Schuhsohlen gereicht! Wollte jemand ein Pferd oder eine Kuh kaufen, so kam es vor, daß er einen Rucksack voll Geldscheinen mitschleppte. Mein Vater gab in dieser Zeit einem Droschkenkutscher in Bad Kudowa für den Kutschschlitten eine gute Milchkuh. In dieser Zeit wollte ein Sägewerksbesitzer aus Gellenau für unseren schlagbaren Fichtenwald. Das war aber vielleicht 1922, als eine Million noch viel Geld war für uns. Mein Vater hätte wohl das Geschäft gemacht, wenn die Mutter nicht dagegen gewesen wäre.