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Persönliches!

Ich wurde am 29.April 1906 geboren. Von 1912 bis 1920 ging ich in die einklassige Dorfschule in Tassau. Lehrer Franke war die ganzen Jahre mein Lehrer. Im Sommer fing der Unterricht um 7, im Winter um 8 Uhr an. Oft war es noch dunkel in dem großen Klassenzimmer. Wir hatten immer Spaß, wenn wir uns Kerzen anzünden durften, bis es so richtig hell wurde. Im Sommer gingen wir, wie alle Kinder, barfuß zur Schule. Das hatte allerdings seinen Nachteil. Am Spielplatz stand eine Barren und ein Reck. Den Abschluß bildete eine Weißdornhecke. Öfters haben wir uns beim rumtollen Dornen in die Füße getreten und kamen dann angehumpelt. Das notwendige Wasser für die Lehrerfamilie holten die Jungen aus einem Brunnen am Dorfbach. Zweimal hatten die Mädchen wöchentlich Handarbeit, die langen Jahre von Frau Franke geübt wurde.

Ein Kaplan aus Lewin kam jede Woche einmal zum Religionsunterricht. Auch beim Lehrer hatten wie Unterricht in Bibel und Katechismus. Mit neun Jahren ging unser Jahrgang das erste Mal zur Beichte. An einem bestimmten Tage sollte jeder seine Gewissenserforschung fertig haben. Ich war der einzige, der sie nicht hatte. So mußte ich um Studierzimmer des Lehrers auf seinem Piano mit Katechismus, Papier und Bleistift die Sache nachholen. Mit zehn Jahren ging ich zur Ersten heiligen Kommunion. Als ich ungefähr acht Jahre alt war, habe ich noch viel spielen und rumtollen dürfen. Einmal war ich mit meinem Nachbarfreund Josef Welzel wieder zusammen. Einer hatte Streichhölzer. Wir suchten einen passenden Winkel, wo wir ungestört waren. Bei dem Kellerhäuschen von den alten Leuten Franz Tautz, dessen Strohdach fast bis zur Erde reichte, kratzen wir dürres Laub zusammen und machten ein Feuerchen. Es dauerte nicht lange, brannte das Strohdach und das ganze Holzhaus nieder. Die Dorffeuerwehr mit ihrer kleinen Spritze konnte nichts mehr retten, außer dem Kleinvieh und einigen Möbeln. Mit den Kühen war Tautz auf seinem Feld. Am nächsten Tag kam ein Wachtmeister zu uns und frug mich aus. Dann bekam ich von meinem Vater eine saftige Backpfeife. Meine Eltern nahmen die Tautz-Leute in das leerstehenden Auszugshaus. Sie wohnten dort mietfrei bis zu ihrem Tode. Das Auszugshaus hatte Stall und Scheune dabei, so war genug Platz für Vieh und Erntevorräte. die Grundstücke, die Tautz noch einige Jahre bewirtschaftete, wurden nach seinem Tode von der in Sackisch verheirateten Tochter an Anlieger verkauft.

Im ersten Weltkrieg war die "Spanische Grippe" weit verbreitet. Selten blieb jemand verschont davon. Auch ich lag eine Woche an Grippe im Bett. Als ich schon wieder herumging, schickte mich mein Vater zum Nachbar Josef Marwan, der Gemeindeschreiber für Tassau und Kreuzdorf war und eine Menge Akten hatte. Er sollte mir eine Auskunft auf einen Zettel schreiben. Wie gewohnt, rannte ich die kurze Strecke, ca. 50 m, hin und zurück sehr schnell. Daheim spürte ich gleich heftige Brustschmerzen und mußte gleich in s Bett. Noch in der Nacht wurde die Kutsche angespannt und Sanitätsrat Dr. Lindermann aus Lewin geholt, der Lungenentzündung feststellte. Unter anderem sollte ich alle zwei Stunden lauwarme Wickel um die Brust bekommen. Das gab aber keine Linderung und die Wickel wurden alle 15 Minuten erneuert. Mein Vater hat oft geweint, wenn er die Wickel erneuern half. Nach ca. 14 Tagen, ich war sehr dünn geworden, brachte man mich in die Tassauer Mühle. Es war das unterste Anwesen von Tassau. Die Mühlpate war eine Schwester meines Vaters. Sie hat mich wieder gesund gepflegt. Zwei Jahre später bekam ich Blinddarmreizung, die auch von Dr. Lindermann daheim auskuriert wurde. Der Blinddarm hat mich seitdem nicht mehr geärgert.

Wir hatten einen Schwarm Tauben, die sich nach meiner Schulzeit auf 60 Stück vermehrten. Der Erlös aus den jungen Tauben war mein Taschengeld. Für ein Paar gab es 1,- Reichsmark. Damals habe ich viel Schokolade gegessen, auch wenn ich nach Lewin fuhr, kaufte ich Schokolade. Geraucht habe ich nicht. Im ersten Krieg 1914/1918 haben wir Jungen im Sommer fast jeden Sonntag Krieg gespielt in den Wäldern um Unterdorf. Hillmann Ernst, dessen Vater Tischler war, hatte für alle "Gewehre" gemacht. Kastner Paul hatte mal einige Flaschen Limonade und auch Zigaretten besorgt, die wir, acht bis zehn Jungen, im Walde vertilgten. Es regnete noch dabei. Ich war danach einige Tage krank und habe es nie wieder mitgemacht. Wir waren auch immer sehr interessiert, wenn unter Leitung des Lewiner Wachtmeisters sonntags die Jugendwehr vormilitärische Übung in Tassau hatte.

Wie jeder normale Jugendliche hatte ich auch eine kritische Zeit durchzustehen mit sündhafte Begierlichkeit. In unserer Jugend war es schon sündhaft, unsaubere Gedanken zu haben und diese nicht zu unterdrücken. Gott sieht alles! Tägliche Tischgebete in der Familie, an die wir abends die Gebete anschlossen, die wir als Mitglieder der Antonius-Bruderschaft Lewin zur Pflicht auferlegt bekamen, Glaubensgebet und Antonius-Bekenntnis, und in der Fastenzeit die Litanei vom bitteren Leiden Jesu, gaben mir einigen Widerstand. Oft ging ich in die Kirche zu einem kurzen Gebet, wenn ich mit dem Fuhrwerk in Lewin war und an der Kirche vorbei mußte. Ich grübelte über meine Jugend und mein späteres Leben nach.

An gutem Lesestoff hatten wir genug. Schlechte Bücher und Zeitschriften, wie in der heutigen Zeit, waren verboten und mir nicht bekannt. Heute werden "Aufklärungsschriften" in jedem Laden angeboten. Sogar die Schulkinder haben mehr Sexualkunde als Religionsunterricht.

Ich habe in meiner Jugend viel gelesen. Sogar beim Pferdetreiben in Göpel habe ich gelesen. Wenn es regnete, hatte ich eine Glasscheibe über dem Buch. Auch auf dem Felde, beim kultivieren, hatte ich etwas Lesestoff dabei. Einig Bauernjungen traten dem katholischen Gesellenverein in Lewin bei. Alle 14 Tage war Versammlung mit Liedern und irgendeinem Vortrag. Jeden ersten Sonntag im Monat war Generalkommunion mit vorheriger Beichte. Diese Übungen haben mit sehr geholfen. Gern denke ich heute noch daran zurück. Mit 17 Jahren nahm ich an einem Stenographie-Kursus in Lewin teil. Dorthin fuhr ich jede Woche zweimal nach Feierabend mit dem Fahrrad. Ein solches hatten damals nur wenige Jungen. Ich habe sehr gut mitgemacht und die Schlußprüfung bestanden. Es wurde Stolze-Schrey gelehrt. Die deutsche Einheitskurzschrift kam später auf. Gebraucht habe ich Steno nie!

Als mein Vetter Alfons Scholz aus Rengersdorf, junger Kaplan in Hausdorf bei Neuroth war, schrieb ich ihm, daß ich den Wunsch hätte, Priester zu erden. Er antwortete in einem langen Brief in dem er u.a. schrieb: "Wer ist der Geist gewesen, der Dir so den Brief diktierte?" und "daß ich als einziger Sohn berufen wären, den Hof und damit den Feist-Namen weiter zu vererben." Danach nahm ich an Exerzitien bei den Jesuiten in Mittelsteine teil und habe im nächsten Jahr ein zweites Mal mitgemacht. Diese besinnlichen Tage haben mir einen herrlichen Weitblick in unsere katholische Religion vermittelt, der mir in meinem weiteren Leben sehr von Nutzen war.

Nach meinen zweiten Exerzitien, die über die Fastnachtstage waren, ging ich sonntags mal zu Nachbar Marwan ins Dorfgasthaus. Einige Männer aus dem Dorf saßen dort. Da sagte Kastner Robert: "Na, verflucht, ich denke Du best eim Kluster!2 Ob er oder einer der anderen Männer sich unter Exerzitien etwa vorstellte, man müßte dann nur beten und dürfte kein Vergnügen mehr besuchen, nicht mehr mit anderen Menschen lachen und froh sein? Gerade wahre Fröhlichkeit hatte ich durch die Exerzitien gelernt. Jeden Tag waren einige Vorträge von Patres. Beim Essen las einer aus einem guten Buch etwas vor. Jeder von uns mußte aus dem Gehörten eine kleine Niederschrift in ein Taschenbuch oder Heft machen. Reden durften wir in diesen Tagen nicht, auch nicht rauchen. Am zweiten Abend war Generalbeichte für alle Teilnehmer. "An diese Sünden braucht Ihr Euer Lebtag nicht mehr denken", sagte ein Pater, als wir nach der Beichte wieder im Zimmer saßen. Es ist wohl jedem so ergangen wie mir, als wir das hörten, mit Gott wieder eins zu sein, wie am Tage unserer ersten heiligen Kommunion! Mein Beten wurde zu einem Gespräch mit Gott. Ich sah seine Gebote und die Gebote der Kirche nun ganz anders an. Wenn jeder Mensch sein Leben nach diesen Geboten einstellt, muß er hier auf Erden schon zufrieden und glücklich sein, auch mit den Menschen um uns in Frieden zu leben, den Armen zu helfen. So kann ich heute, mit 71 Jahren noch sagen, daß die Exerzitien mein Wesen veränderten, zum guten hin ausrichtete. Das ererbte Wesen meiner guten Eltern und Großeltern wurde durch die religiösen Übungen sehr bereichert.

Im Winterjahr 1925/26 besuchte ich die landwirtschaftlich Schule in Glatz. Meine Mutter hat manchmal gesagt: "Willst Du denn wirklich Bauer werden?" Ich hatte mal ein Achtellos in der Klassenlotterie, auf das ich in der 5. Ziehung 50,-RM gewann. Das war schon mal das Schulgeld. Aber so einfach war es beim Vater nicht, meinen Wunsch durchzusetzen. Kein junger Bauer im Lewiner Kirchspiel war bisher auf der Schule gewesen. Das war wohl der Hauptgrund, weshalb der Vater lange dagegen war. Er wollte wohl nicht, daß ich eine Ausnahme machen sollte, vor anderen Bauernsöhnen. Oft war ich im Bett am Grübeln und habe laut geweint. Erst Jahre später habe ich es richtig erkannt, daß die Schule für meinen Beruf von großen Nutzen war. Wir wären sonst nie in Verbindung mit der Schule gekommen. hätten weiter den primitiven Glatzer-Gebirgsvieh-Schlag gehabt, die sauren Wiesen wären nie dräniert worden, vom Weidenanlegen ganz zu schweigen. Unser Betrieb wurde dann als Beispielwirtschaft anerkannt. Das gab mir den Ansporn in unserer Höhenlage auch rationell zu wirtschaften. Wir mußten Buch führen über die Einnahmen und Ausgaben und die Aufstellung jeden Monat mit Unterlagen an die Schule Glatz einsenden. Dies alles wäre nicht möglich gewesen, wenn ich meine Eltern nicht dabei unterstützt hätten.

Während dem Schulbesuch war ich bei unseren Verwandten, Familie Tischlermeister Franz Scholz in Rengersdorf, ein Halbbruder meiner Mutter. Von Rengersdorf aus war die nächste Station schon Glatz. Alle 14 Tage fuhr ich heim. Montags ging es mit dem 6-Uhr-Zug wieder nach Glatz. Ich erhielt vom Vater jedesmal 10 Mark. 3,20 Mk. kostete eine Bahnfahrt Lewin-Glatz, dann zweimal Wochenkarte. So war ich immer knapp bei Kasse. In der Schule selbst kam ich nur mittelmäßig mit. Vor allem mit den chemischen Formeln haperte es. Ich konnte das, was der Lehrer auf die Tafel schrieb schlecht erkennen. Erst später kam ich darauf, daß ich kurzsichtig bin. Bei einem Sonntagsausflug mit einigen Alterskameraden nach Nachhod ging ich zu einem Optiker der mir eine Brille verpaßte. Wunderbar konnte ich gleich alle Schilder lesen. Das war 1926. Im Herbst ging ich zu einem Augenarzt, der meine Augen richtig untersuchte. Die Gläser der Brille waren dann richtig für meine Augen. Ich sagte ihm, daß ich Landwirt bin und die Brille oft hinderlich ist. Er riet mir, in einem Jahr wieder zu kommen. Das tat ich auch. Die Sehkraft der Augen war dieselbe geblieben. "Sie werden bis in Ihr Alte lesen und schreiben können, ohne Brille" sagte mir der Augenarzt. Und er hatte Recht. Noch heute hat meine Brille dieselbe Stärke und ich kann "ohne" gut lesen und schreiben.

Bei Vergnügen war ich ein gern gesehener Gesellschafter. Zwei oder dreimal im Jahr war bei Nachbar Marwan Tanzmusik. Das Stiftungsfest des Gesellenvereins, den Bauernball in Lewin, den Kirmesball in Järker oder im "Grünen Tal", das schon im damals deutschsprachigen Gießtrübel lag, machte ich und einige Tassauer in meinem Alter mit. Auch wenn es keine Tanzmusik hatte, war ich sonntags selten daheim. Wir machten dann Ausflüge in die nähere Umgebung. Dann mußte der Vater abends die Pferde versorgen. Getanzt habe ich viel. Walzer, Polka, Rheinländer und Schieber waren unsere Tänze. Meist tanzte ich jedesmal mit einem anderen Mädchen. War in Tassau Tanzmusik, tanzte ich auch mit den anwesenden Frauen. Getrunken habe ich nie viel. Bei einem Vergnügen trank ich mal acht Glas Bier. Das ich nie wieder vorgekommen. Betrunken habe ich mich niemals.

Bei einer Tanzmusik in Lewin beobachtete ich, daß ein Lewiner, der damals schon ein Mietsauto hatte und als Schürzenjäger bekannt war, oft mit demselben Mädchen tanzte. Ich kannte sie flüchtig als Verkäuferin bei Kaufmann Hillmann, am Lewiner Ring. Nach einer Weile erwischte ich sie mal zum Tanz, bestellte gleich den nächsten und durfte mich an ihren Tisch setzen. Mit ihr habe ich dann nur noch getanzt, bis sie heimgehen wollte. Ich durfte sie begleiten, es waren kaum 100 Meter. Wir setzten uns auf eine Bank am Ringplatz und plauderten eine Weile. Zum Schluß vereinbarten wir ein Treffen an einem Werktag auf dem Tassauer Kirchweg. Das haben wir jede Woche so gehalten. Dieses Mädchen war unverdorben. Über drei Jahre haben wir diese herrliche Freundschaft miteinander gehabt. Außer unseren Küssen gab es nichts zwischen mir und der Hedel Schneider aus Sackisch. Ich war nie mit auf ihrem Zimmer oder bei ihren Eltern und sie war nie bei uns auf dem Hof. Sie und ich haben uns oft über die Zukunft unterhalten. Sie verstand nichts von Landwirtschaft, das sah ich ein. In gegenseitigem Einverständnis haben wir dann unsere Treffen eingestellt.

Bei einer Tanzmusik drüben in Gießtrübel war ich mit einigen Tassauer Freunden. Dort fand ich ein Mädchen, das mir gut gefiel. Ich tanze oft mit ihr. Als das Vergnügen bald aus war, durfte ich sie heim begleiten. Es war ein weiter Weg! Sie wohnte außerhalb von Gießtrübel. Ihre Eltern hatten einen kleinen Weidebetrieb. Von unserem Hof aus sah man das Anwesen liegen. Damals, am 29. Juni, standen dort eine Menge Heureuter in den Koppeln. Wir setzten uns an einen Heuhaufen und haben wohl eine Stunde miteinander geplaudert. Dabei verabredeten wir, uns am nächsten Morgen, einem Sonntag, nach der Frühmesse in Gießtrübel zu treffen. Wir gingen ohne Kuß auseinander. Beim Händedruck sagte sie in unserem Heimatdialekt: "Du kannst Dir was einbilden, die anderen kommen immer schon das erste Mal!" Ich habe damals, nach dieser oberflächlichen Begegnung nicht daran gedacht, das Mädchen zu küssen. Sicher hatte sie damit gerechnet, daß ich sogar intim zu ihr würde. Gießtrübel war bekannt als "unsauberes" Städtchen. Ich war damals vielleicht 24 Jahre alt. Zweimal haben wir uns damals noch getroffen und uns weiter nicht verabredet. Damit war für mich diese Bekanntschaft zu Ende. Immer wieder habe ich Gott herzlich gedankt, daß ich gute, christliche Eltern hatte und daß mir die Verträge im Gesellenverein und die Teilnahme an Exerzitien inneren Halt vermittelt haben. Mir hat die Mutter Gottes sehr beigestanden mit ihrer Fürsprache bei Gott. So kam es, daß ich überhaupt nicht daran dachte, mit einem Mädchen intim zu werden. Die Mutter von der immerwährenden Hilfe hat mich immer wunderbar geleitet und beschützt. Fröhlich bei Vergnügen, unbeschwert in Gesellschaften, konnte ich immer wieder dem Herrgott herzlich danken, daß ich die große Gnade hatte, an ihn zu denken, ihn bei mir, um mich zu wissen. Und tags darauf, wenn ich wieder bei meiner oft schweren Bauernarbeit war, konnte ich zufrieden und froh wieder beten.

Jedes Jahr durften meine Schwester und ich nach Dürrkunzendorf zur Kirmes fahren. Unsere Basen Hilda, Heidel und Marichen Scholz waren in unserem Alter. Dort war es immer schön. Geld hatte ich immer wenig in der Tasche. So konnte ich bei der Tanzmusik nicht viel spendieren für die Verwandten. An einem Kirmesmontag frühmorgens, als ich meine Hose gerade angezogen hatte, merkte ich, daß daran beide Taschen mit der Maschine zugenäht waren. An der Tür standen die Mädels und bogen sich vor lachen. Mit Mühe habe ich die Nähte dann aufgetrennt. Die "Kunzendorfer Kinder" kamen auch jedes Jahr zur Kirmes zu uns.

1931 näherte ich mich vorsichtig meiner späteren Frau, Gertrud Welzel, Lewin-Kuttel. Das Mädchen hatte mir schon immer gut gefallen. Sie war aber sehr spröde und unnahbar. Ich saß bei Vergnügen wohl an ihrem Tisch dabei, tanzte einige Mal mit ihr, gab mal einen aus, wollte ich sie aber nach Hause begleiten, war ich übrig. Ein Schwarm Jungen und Mädchen aus Kuttel gingen denselben Weg, da ging ich einfach mit. Nach einiger Zeit wagte ich mal an einem Sonntag Nachmittag einen Besuch bei ihren Eltern. Es war eine große Bauernfamilie, sieben Söhne und drei Töchter. Die beiden älteren Schwestern waren verheiratet. Meine spätere Frau war das siebente Kind der Welzel-Familie, damals 21 Jahre alt. Vater Josef Welzel war ein kluger, besonnener, ehrlicher und arbeitsamer Mann. Er hatte verschiedene Ehrenposten: Mitglied des Stadtrats Lewin, im Kirchenvorstand, im Aufsichtsrat der Spar- und Darlehenskasse, beim Zweckverband des Lewiner Krankenhauses, im Kreistag Glatz und Geschworener beim Schwurgericht Glatz. Fast jede Woche hatte Vater Welzel an irgendeiner Tagung teilzunehmen. Das konnte er nur, weil die Söhne Richard und Anton daheim waren und die Außenarbeit auf dem meist bergigen Feldern tun konnten. Bestellungs- und Erntemaschinen konnten wenig eingesetzt werden. Im Winter hat Vater Welzel viel handwerkliche Arbeiten für den Bauernbetrieb gemacht. Das ging vom Ausbessern der verschiedenen Geräte bis zum Reiserbesen binden zum Eigenbedarf. Er konnte auch sehr gut mähen und hatte die Kreuzdorfer Jagd gepachtet. "Planich Welzel", so wurde er in der ganzen Gegend genannt, war der längste Mann im Kirchspiel Lewin.

Als ich das dritte Mal bei Welzel war, merkte der Vater wohl, daß ich ernste Absichten hatte. Da sagte er freundlich, fast väterlich: "Die Trudel ist nichts für Dich, Du mußt eine haben, die Geld hat, wir können ihr nichts geben!" Daran hatte ich überhaupt noch nicht gedacht. Die Familie Welzel war als sehr solide bekannt. Sie hatte mit den vielen Kindern ihre Sorgen, alle auf dem kargen Boden ehrlich und rechtschaffen zu ernähren und zu kleiden. Bei uns daheim war es ja auch nicht anders. Wir mußten noch mindestens drei fremde Arbeitskräfte das Jahr hindurch bezahlen und beköstigen. Wir mußten auch ganz einfach leben. Wir mußten auch rechnen! Das war bei meinen Eltern so und ging bei uns weiter. Ungeachtet der "Warnung" von Vater Welzel ging ich nun jeden Sonntag nach Kuttel. Aber es dauerte sehr lange, bis ich Trudel entschloß, auch mal nach Tassau zum Tanz oder gar in unser Haus zu kommen. Von meinen Eltern oder Schwestern habe ich nie etwas anderes gehört, dieses Mädchen etwa aufzugeben. Bei einem Vergnügen in Lewin sagte einmal eine Beamtenfrau, die nur eine Tochter hatte zu mir: "Fünfzig Pfennige würde unsere Tochter auch mal mitbekommen!" Auch dieser Ausspruch hat mich in keiner Weise gestört.

Das spröde Wesen, das unnahbare Verhalten hat Trudel, so wurde sie daheim, von Bekannten und von mir immer genannt, in ihrem ganzen Leben beibehalten. Das hat unsere Freundschaft in keiner Weise gestört, im Gegenteil, wir bekamen immer mehr Achtung voreinander. Wir benahmen uns, auch wenn wir allein waren, immer als christliche Brautleute. In dieser Zeit besuchten wir mal miteinander unsere Verwandten in Peiskretscham, Kreis Gleiwitz, Oberschlesien. Meine Cousine, Elfriede Letzel, verehelichte Olawski, wohnte mit Familie dort. Ein Jahr später reisten wir miteinander nach Berlin, unserer Reichshauptstadt. Dort war Trudels Schwester Marichen verheiratet. Ihr Mann Hermann Welzel war Fleischermeister und hatte eine Fleischerei gepachtet. Marichen sagte gleich am ersten Tag in ihrer lustigen Art: "Wurst könnt Ihr essen, soviel Ihr wollt, aber mit dem Brot müßt Ihr sparen, das müssen wir kaufen."

Unser Nachbarssohn, Josef Marwan, war schon jahrelang als Kaufmann in Berlin. Da Marichen und Hermann tagsüber keine Zeit hatten, mit uns auszugehen, hat uns Marwan die Sehenswürdigkeiten von Berlin gezeigt. Wir bleiben drei oder vier Tage dort. Meine Schwestern haben abwechselnd in dieser Zeit nähen und kochen gelernt für den Hausgebrauch.

Anfang der dreißiger Jahre war eine große Arbeitslosigkeit. 1932 sollen es 6 Millionen gewesen sein im Deutschen Reich. Frauen waren damals selten in einem Arbeitsverhältnis. Die Männer bekamen nur wenig Unterstützung, 6 bis 10 RM die Woche. Dies wurde vom Gemeindevorsteher ausgezahlt. Dieser verrechnete mit dem Landratsamt. Ein Arbeitsamt gab es nicht. Wer sich selbst etwas Kleintier halten konnte und etwas Land hatte, konnte seine Familie besser in dieser harten Zeit durchbringen als jene, die nur von der kargen Unterstützung leben mußten. So blieb es nicht aus, daß besonders in den Städten viel gestohlen wurde. Viel wurden radikal. In den Großstädten gab es täglich Straßenschlachten.

Als meine liebe Mutter 1933? starb, war mein Vater noch Gemeindevorsteher von Tassau. Im Sommer 1934 erhielt er vom Kreisleiter der Nationalsozialistischen Partei in Glatz (ich komme auf diese Zeit noch ausführlich zurück) die Nachricht, daß er weiterhin "Gemeindeschulze" bleiben konnte. Das war eine Besonderheit, da mein Vater immer Zentrumsmann war und alle politischen Parteien verboten waren. Ich riet ihm, jetzt abzudanken, da seine Frau verstorben sei. Das tat er auch. Nachfolger wurde Bauer Paul Hasler im Unterdorf, der auch dann in die Hitlerpartei eintreten mußte. Nach einiger Zeit erhielt er auch Telefon und er hatte die erste Schreibmaschine in Tassau. Keiner der Vorsteher im Lewiner Bezirk hatte weder Telefon noch Schreibmaschine.

Welzel Ernst, Bauer "in den Wiesen" an der Straße Kuttel – Tassau, war jahrelang, bis die Russen 1945 kamen, Amtsvorsteher des Amtsbezirks Tassau. Weitere Amtsbezirke im Kirchspiel Lewin waren Gellenau und Hallatsch, später Hallgrund genannt. Zum Außenbezirk gehörten die Dörfer Kaltwasser, Jauering, Kleingeorgsdorf und Kuttel. Eine Straße oder Telefon oder später Stromversorgung hatten davon nur Kuttel und Tassau.

Mein Vater war viele Jahre Schöffe beim Landgericht in Glatz. Drei oder viermal im Jahr wurde er zu Terminen geladen. Eines Tages grüßten die Herren einander mit "Heil Hitler". Das fiel meinem Vater sicher schwer, aber er mußte mitmachen. Bei den Zusammenkünften vom Krankenhaus-Zweckverband Lewin, dem die Gemeindevorsteher des Kirchenspiels Lewin angehörten, ging es noch eine Zeitlang mit der altgewohnten Begrüßung weiter.

Seit mein Vater den Gemeindevorsteher-Posten los war, hatten wir auch mehr Ruhe im Haus und er hatte mehr Zeit für die Belange von uns Kindern und die Dienstleute. Er war sehr interessiert an der Modernisierung und Mechanisierung des Betriebes. Die Weidewirtschaft, das hatte er schon längst eingesehen, war das Richtige für unsere Höhenlage. Er machte auch kleinere Reparaturen an landwirtschaftlichen Geräten, flickte auch mal am Lederzeug für das Zugvieh.

An der Hand meines Vaters lernte ich auch mit dem Ochsengespann pflügen. Als ich 17 Jahre alt war, wurde ich Pferdekutscher. Ich bekam das ältere Pferdegespann, das gut eingefahren war, Diese Lernabschnitte mußte ich genauso durchmachen, wie die familienfremden Jungen. Kühe hüten, Ochsenjunge, Pferdeknecht.

Als Pferdefutter wurde Häcksel verwand. Die Häckselmaschine wurde mit der Hand gedreht.., bis 1939 Tassau, Kuttel und Järker das Elektrische erhielten. Häcksel wurde im Futterkasten, der im Pferdestall stand, mit Hafer vermengt und in der Schwinge, eine geflochtene Spanschale, den Pferden in die Krippen gegeben und angefeuchtet. Gab es dann Klee genug fiel die Trockenfütterung weg. Rüben erhielten die Pferde nicht, diese waren nur für die Milchkühe. Die Schweine erhielten Kartoffeln mit Getreideschrot. Die Zuchtsauen meistens Zuckerschnitzel.

Im 7. Schuljahr lernte ich bei unserem alten Lehrer Friedrich Franke Geige spielen. Diese hatte ich von den Verwandten Scholz aus Mittelsteine. Mit mir lernten noch drei Schulkameraden. Nach der Schulentlassung gingen wir weiter zum Geigenunterricht zu Bauer Franz Hanisch. Mit uns lernten auch zwei Söhne von ihm. Da ging es strenger zu als beim Lehrer Franke. Wir haben von Hanisch viel gelernt. Daheim habe ich dann öfters, besonders im Winter, mit den Noten von Hanisch geübt. Meine alte Geige war mit der Zeit auf einer Seite aufgeleimt, die Stütze immer umgefallen. Als ich an einem Sonntagabend mit anderen Tassauer Jungen im Gasthaus "Zum grünen Tal" war, das schon zu Gießtrübel, Sudetengau, gehörte, spielte dort ein Zigeuner auf einer Geige, auf der zwei Seiten fehlten. Er war ein Künstler! Er spielte die schwierigsten stücke. Wir kamen ins Gespräch miteinander und zum Handel. Zum Schluß wurden wir einig: ich sollte ihm morgen meine Geige ins "Grüne Tal" bringe, mußte aber eine Runde Bier spendieren. Das tat ich auch. Die Zigeunergeige durfte ich gleich mitnehmen. Tags darauf trug ich meine aufgeleimte Geige, wie vereinbart, zum Zigeuner.

Daß ich die Geige heute, 1978, in Niedermendig noch habe, hat eine besondere Geschichte, die ich hier niederschreiben will. Als 1945 die Russen und tschechische Partisanen in unsere Heimat kamen, habe ich neben anderen Sachen auch die Geige versteckt. Dann kamen die ersten Polen auf unsere Höfe. Ich traf mich in dieser Zeit öfters mit sonntags mit meinem Schwager Sellený an der Borawaer Grenze an unseren Feldern. Er war mit seiner Familie vor einigen Wochen von seinem Hofe in Schnellau nachts in die nahe Tschechei geflüchtet. Wir sprachen von der Geige und vereinbarten, daß ich sie zum nächsten böhmischen Haus Bubenitschek bringen und Sellený sie dort abholen sollte. Der böhmische Mann wollte die Geige für seinen Jungen behalten und mir eine Hose dafür geben. Ich sagte, daß Sellený auch einen Jungen hat, der Geige spielen will. Mein Schwager holte die Geige in Borawa ab und brachte sie, mit viel Hausrat, 1950 mit nach Forst, Kreis Cochem, wo wir einen Hof gepachtet hatten. Nach einem vergilbten Zettel im inneren der Geige, soll es eine Amati aus dem Jahre 1628 sein!

1933 heiratete meine Schwester Maria. Damit ging eine tüchtige Arbeitskraft von unserem Hofe. Maria war nicht nur im Haushalt gut, auch das Vieh hat sie gut versorgt und war oft mit einem Gespann bei der Feldarbeit.

Meine Schwester Elfriede heiratete 1938 den Bauern Ernst Welzel in Järker. die Schwester, Anna, war längere Zeit in der alten Mühle, am unteren Ende von Tassau. Die Mühlpate, Franziska Nowotny, war eine Schwester von meinem Vater. Als ihr Mann gestorben war, zogen Onkel Heinrich Kastner und seine Frau Kunigunde, auch eine Schwester meines Vaters, in die Mühle. Als auch diese starb, ging meine jüngste Schwester Anna in die Mühle, im dort die Hausarbeit zu machen. Sie war fast zwei Jahre in der Mühle. Diese wurde 1939 an den Besitzer vom Gasthaus "Zum grünen Tal", das gegenüber von der Mühle, über der Brücke, auf böhmischer Seite lag, verkauft. Er baute bald eine Turbine auf und erzeugte elektrischen Strom. Meine Schwester Anna war nach ihrem Dienst in der Mühle einige Zeit in Mittelwalde, um sich im Haushalt weiter zu bilden.

1936, als ich 30 Jahre alt war, nahm ich endlich mal Anlauf zur Heirat und damit zur Hofübernahme. Seitens meiner Braut oder meines Vaters oder meiner Schwestern war nie die Rede davon gewesen. Ich bestellte den Brautanzug bei Schneidermeister Tauner in Gießtrübel, wie es damals üblich war, mit Gehrock. Hier muß ich bemerken, daß ich schon zehn Jahre meine Sonntagsanzüge- und mäntel bei diesem Schneider nach Maß machen ließ und vom Taubengeld bezahlt. Ich hatte damals 60 Tauben das Jahr hindurch. wenn ein Anzug fertig war, zog ich ihn beim Schneider gleich an und ging damit über die Grenze nach Tassau heim. An sich hätte man bis 1938, als das Sudetenland zum deutschen Reich kam, beim Zollamt Kuttel alles verzollen müssen, was man über die Grenze trug. Das habe ich und andere Jungen aus den Dörfern nie gemacht, es ging immer gut. So ein Maßanzug kostete damals ca. 80 RM.

Trudel und ich hatten den 28. Juli als Hochzeitstag gewählt. Zuvor besuchte sie aber noch allein ihre Schwester Marichen in Berlin. Ich ging allein zum Standesamt, um das Aufgebot zu bestellen. Der Standesbeamte frug nach der Braut. Das wäre ihm noch nicht vorgekommen, daß beim Aufgebot bestellen die Braut fehlt! Da der Beamte uns beide kannte, setzte er das Aufgebot auf. Dann ging ich allein zum Pfarrer. Auch er frug nach der Braut. Auch er ließ die Abwesenheit der Braut gelten.

Es war bei uns damals üblich, daß drei Sonntage hintereinander die Brautpaare nach der Predigt von der Kanzel verkündet wurde und daß man wenigstens einmal dabei war, um es mit anzuhören. Ich staunte nicht schlecht, daß wir nicht verkündet wurden. Was mir nicht bekannt war, ich hätte mich beim Küster melden sollen, der alles einschrieb, was der Geistliche verlesen sollte. So kam es, daß am nächsten Sonntag unser kirchliches Aufgebot zum ersten und zweiten Mal verlesen wurde und am Sonntag vor unserer Hochzeit eben zum dritten Mal. Einige Tage vor unserer Hochzeit war dann meine Braut aus Berlin zurück.

Hier möchte ich erwähnen, daß wir im Juli noch viel Heu draußen hatten. Etwa eine Woche vor der Hochzeit sollte ich das Brautfuder holen. Etwa üblich, daß dies der Bräutigam, falls er Fuhrwerk hatte, es selbst tat. Ich mußte mit dem Leiterwagen zum Lux-Tischler in Lewin fahren, um die fertigen Möbel abzuholen. In Kuttel wurde dann noch dazu geladen .Auch eine Brautkuh gehörte dazu. Sie wurde aber nicht an das Brautfuder angehängt, wie es so oft getan wurde. Die Kuh brachten Trudels Brüder geführt. Schon in Lewin sah ich besorgt nach dem Wetter. Ich telefonierte zum Nachbarn Marwan, daß mein bester Freund und Nachbar, Josef Welzel, helfen sollte, Heu einzufahren. Das tat er auch. So war das trockene Heu auf zwei Erntewagen unter Dach.

Josef Welzel und ich halfen einander, wo es nötig war. Einige Wochen zuvor hatte ich seine Brautfuder aus Löschney, später Talheim, geholt. Die Brautmutter, Frau Selma Hasler, hatte inzwischen ein gutes Essen bereitet und Vater Hasler schenkte nach dem Essen von seinem "Alten Korn" ein. Dann fuhren wir den holprigen Feld-Waldweg vorsichtig nach Lewin. Auf der Heimfahrt über Kuttel, hielten wir im Gasthaus "Zum Waldfrieden", an der Johanneskapelle. Dort gab Josef Welzel einen zweistöckigen Korn aus. Das war für mich zuviel! Ich übergab dem Josef die Zügel und ging wackelig hinter dem Wagen, hielt mich fest daran. bei Welzel im Hof bald die Pferde abgespannt und heim damit. Mein Vater half beim Abschirren und gab den Pferden Futter. Ich half dann bei Welzel abladen. Danach gab es Rehbraten, der brachte mich wieder richtig auf die Beine.