Die Geschehnisse ab 1933
Hier will ich niederschreiben, was wir ab 1933 erlebten. Infolge der großen Arbeitslosigkeit, es sollen 6 Millionen gewesen sein, lebten viele Menschen in ärmlichen Verhältnissen. Das brachte es mit sich, daß Einbrüche und Diebstähle an der Tagesordnung waren. Die Unzufriedenheit machte viele Menschen zu Kommunisten. In den Großstädten waren täglich Krawalle und Straßenschlachten zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten. In diesen bürgerkriegsähnlichen Zuständen ernannte Reichspräsident von Hindenburg den Führer der Nationalsozialisten Adolf Hitler zum Reichskanzler. Eine Wahl folgte der anderen, bis die N.S. die Mehrheit im Reichstag hatten. Alle anderen politischen Parteien wurden verboten. Nach dem Tode von Hindenburg nannte sich Adolf Hitler Führer und Reichskanzler. Zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit ließ er Autobahnen und Siedlungen bauen. Viele Männer wurden zum Bau der Bunker a n den Westgrenzen Deutschlands dienstverpflichtet. Die allgemeine Wehrpflicht wurde eingeführt. Hitler befahl: "Alle Deutschen heim ins Reich und Juden raus!" Im nahen Gießtrübel, wo meist deutsch gesprochen wurde, wie im ganzen Sudetenland, traten viele Männer der Sudetendeutschen Partei bei, die den Anschluß an Deutschland wollten. Die Tschechen bauten in dieser Zeit entlang ihrer Grenzen zu Deutschland Bunker und Maschinengewehr-Nester. Von unserem Hofe aus konnten wir sehen, wie auf den Bergen an der Lusche, nach dem Dorf Pollom zu, Tag und Nacht an den Bunkern gearbeitet wurde. Von unseren Feldern aus sah man auch, wie am Dorfrand von Borawa, wo alles tschechisch sprach, Bunker gebaut wurden. In dieser Sudetenkrise hatten wir als Grenzbewohner berechtigte Sorgen, daß es zu einem Kriege in unserer Gegend käme. Um einen Krieg wegen dem Anschluß des Sudetenlandes zu verhindern, trafen sich am 29.09.1938 die Regierungschefs Chamberlain – Großbritannien, Deladier – Frankreich und Mussolini – Italien mit Hitler in München. Ergebnis: Das Sudetenland wurde dem deutschen Reich zugesprochen! Am 8. Oktober 1938 war ich dabei, als die tschechischen Obersten mit Tränen in den Augen, beim Zollamt in Kuttel, der deutschen Wehrmacht den Einmarsch nach Gießtrübel freigaben. Damals waren Pferdefuhrwerke und Fußvolk, kein Auto dabei. Ich ging, wie andere Leute aus den umliegenden Dörfern auch, durch die Büsche nach Gießtrübel. Dort auf dem Marktplatz war überschwenglicher Empfang für die deutschen Soldaten. Alles schrie: "Heil Hitler!" Von da an waren Sudetendeutsche auch wehrpflichtig
Wir lauschten in den Tagen der Münchener Verhandlungen täglich an unseren kleinen Radios, als wir endlich hörten: "Es gibt keinen Krieg mit den Tschechen!" Die Grenze war auf deutscher Seite von bewaffneten SA-Männern besetzt. SA = Sturmabteilung. Aus Tassau hat sich besonders der Lehrer Brzesynski hervorgetan. Er ließ sich später in Aumüller umbenennen. Als die Männer von der Grenzüberwachung wieder heimkamen, höre ich heute noch den Aumüller rufen: Wir haben den Krieg gewonnen!"
Der Weg nach Borawa war durch einen ca. 10 m langen, tiefen Graben unterbrochen. Dieser sollte deutsche Panzer aufhalten. Wir fuhren aber mit dem Kinderwagen um die Grube herum, nach Borawa. Für uns Grenzbewohner hatte sich nichts geändert in den Beziehungen zu den böhmischen Nachbarn. Wir konnten für sie die Feldbestellung wie bisher machen und sie halfen uns in der Ernte und beim Fichten pflanzen. Den Grenzausweis mit Foto mußten sie und auch wir haben.
Am 15. März 1939 war ich als Ortshofberater mit unserem Gemeindevorsteher Paul Hasler nach Glatz zu einer Bauernversammlung geladen. Am Bahnhof Lewin war großer Betrieb. Aus einem Güterzug wurden Soldaten, Pferde und Wagen ausgeladen. Wir hörten, daß die deutsche Wehrmacht von allen Seiten in die Tschechei einrückt. Aus der Versammlung in Glatz wurde eine einzige Radioübertragung. Was war geschehen!? Der tschechische Staatspräsident Dr. Hacha hatte dem Hitler die Tschechei als Protektorat übergeben müssen, sonst hätte es Krieg gegeben. Gegen Mittag hörten wie Hitler aus dem Lautsprecher reden, von Prag aus! Mir war das als Grenzbewohner, der ich den Haß gegen das Hitlerregime kannte, fast unmöglich. Hacha hatte mit der erzwungenen Unterschrift sein Land vor einem Kriege bewahrt.
Etwa ein Jahr später fragte mein Vater mal den Grenznachbar Anders, der Hausweber war und ein Haus, einiges Kleinvieh und etwas Feld hatte wie es hetzte so sei. Unter anderem sagte er: "Das hat der Hitler gut gemacht, jetzt erhalten die Hausweber mehr Lohn für ihre Arbeit und der Ausgeber verdient weniger." Und: "Wer arbeitet hat auch was!" Mein Vater und ich hielten uns neutral.
Am 1. September 1939 marschierte die deutsche Wehrmacht in Polen ein. Unser Pferdekutscher mußte an diesem Tage bald zur Wehrmacht. Da Hitler mit dem russischen Diktator Stalm einen Nichtangriffspakt geschlossen hatte, war ganz Polen in 18 Tagen von deutschen Truppen besetzt. Wir erhielten durch das Arbeitsamt einen polnischen Jungen und ein polnisches Mädchen. Alle vier Wochen war für die Polen ein Gottesdienst. Sonst durften sie nicht in die Kirche gehen. Jeder Pole mußte auf Jacke oder Bluse ein "P" tragen. Unsere polnischen Mitarbeiter sollten auch nicht mit uns an einem Tisch essen. Der Wachmeister Kirchner aus Lewin kam mal deshalb zu uns. "Es ist uns gemeldet worden, daß die Polen mit Ihnen an einem Tisch essen!" Ich kannte den Wachtmeister als vernünftigen Mann und sagte ihm: "Ich arbeite mit den Leuten gut zusammen, das Mädel ist oft mit unseren Kindern beschäftigt, wir können sie nicht als Feinde behandeln." Er sagte dann, wir sollen uns vorsehen. Es kam aber weiter keine Kontrolle. Später wurde uns noch ein zweiter Junge und ein zweites Mädel zugeteilt. Es gab mit den polnischen Leuten keine größeren Schwierigkeiten, als mit den deutschen Mitarbeitern. Da ich leidlich tschechisch verstand (mein Vater konnte perfekt diese Sprache) konnten wir uns schon verständlich machen. Die jungen Polen lernten auch gleich deutsch verstehen und reden. Sie durften ihren Eltern schreiben und erhielten Post. Auch besuchen durften sie jedes Jahr einmal die Eltern.
Da ich noch im wehrpflichtigen Alter war, mußte ich zur Musterung. Befund "untauglich". Im folgenden Jahr wurde ich kriegsverwendungsfähig geschrieben. Unser Gemeindevorsteher und Ortsbauernführer Hasler beantragte beim Kreisbauernführer in Glatz, daß ich doppelt U.-K. = unabkömmlich eingestuft wurde. Dieser Antrag hatte auch Erfolg. Die U.-K.-Stellung war in zweifacher Weise begründet, einmal die viele Arbeit auf dem großen Hof, zum anderen wäre dann meine Frau mit den noch kleinen Kindern und den polnischen Helfern allein gewesen. Zwar war mein Vater noch da, aber er konnte bei seinen 73 Jahren den Betrieb nicht mehr übersehen. Jeder U.-K-Gestellte würde energisch darauf hingewiesen, in erster Linie den Kriegerfrauen zu helfen. Mein bester Freund und Feldnachbar Josef Welzel mußte auch Soldat werden. Ich habe mich bemüht, dort zu helfen, wo es Not tat. Eines Tages sagte der Welzel Opa, daß sein Hafer reif sei. Noch am selben Tage Habe ich bei ihm ein Feld mit unserem Binder abgemacht. Mein Vater war ärgerlich darüber. "Wir haben selbst Arbeit genug, der ganze Hafer ist reif und Du fährst zu anderen!" Wie schon öfters, habe ich ihm wieder gesagt, daß ich aber doch daheim sein kann, während Welzel Josef fort ist. Das hat mein Vater auch eingesehen. Mit Hasler, Kastner Robert und Amtsvorsteher Welzel war ich bei der Hofbegehungskommission und als Waldsachverständiger bestellt. Im Frühjahr und Herbst gingen wir Fluren, Wälder und Ställe durch. Zum Problem Arbeitskräfte muß ich noch nachtragen, daß uns zu Beginn des Jahres 1940 Ida Schleicher vom Arbeitsamt zugeteilt wurde. Sie stammte aus Dörnikau und war etwa 45 Jahre alt, ein richtiges Mannweib. Sie rauchte Zigaretten, spielte Ziehharmonika und fühlte sich wohl beim Biertisch mit jungen Leuten. Hausarbeiten machte die nicht gern. Am liebsten war sie mit den Pferden beschäftigt. Sie konnte sehr gut pflügen. Ida war ein ehrlicher Mensch. 1944 ging sie von uns weg, zu Frau Hedwig Kastner, deren Mann Paul Soldat war. Mit Frau Kastner mußte Ida im März 1946 die Heimat verlassen. Auf der Insel Borkum starb sie am 17.4.71. Im Sommer 1943 + 44 hatten wir noch drei Arbeitsmaiden. Diese waren in der ehemaligen Schokoladenfabrik Chlupp – Lewin untergebracht. Sie kamen aus allen Berufen, hatten Einheitskleidung und wurden zum Arbeitseinsatz in den Dörfern eingeteilt. Wir kamen gut zurecht mit ihnen.
1940 wurde im Saale von Marwans Gasthaus ein Kindergarten eingerichtet. Unsere Kinder nahmen daran teil. Auch unser erster Junge, Heinrich, geb. 1942, wurde später im Kinderwagen mitgenommen. Die Kindergärtnerin Annelies Müssig, geboren in Gellenau, und ihre Helferin Magda Moser waren in unserem Auszugshause untergebracht. Am 9. September '44 wurde der Kindergarten eingestellt. Am 10.9. fand in der Tassauer Schule ein Kinderfest statt. Ich hatte zuvor zwei Tische und eine Bank zum Spielplatz an der Schule gefahren. Da es regnete konnte das Kinderfest nicht im Freien abgehalten werden. Am 4. September 1944 fing unsere Maria in der Schule in Tassau an. Am gleichen Tage wurde Marwans Saal mit Soldaten belegt. Es waren etwas acht bis zehn Mann. Zwei davon hatten Tag- und Nachtdienst in dem von den Tschechen erbauten Aussichtstürmen auf der Feistkoppe, jenseits der Grenze.
Über die wahre Kriegslage waren wir nicht unterrichtet. Im Radio und auch in den Zeitungen wurde uns nicht gesagt, wie es an der Front zuging, wie weit der Russe schon vorgedrungen war. In Lewin und Kuttel wurden Panzersperren errichtet. Die Zufahrtsstraßen sollten für den Ernstfall blockiert sein. Eingerammte Baumstücke beiderseits der Straße, daneben lagen ca. 10 m lange Baumstämme. Wir Männer, auch Jugendliche, mußten jeden Sonntag von ½ 7 ab dort die Stämme in kürzester Zeit zwischen die eingerammten Pflöcke einlegen. Daneben stand der Kompanieführer vom Volkssturm in SA-Uniform mit der Uhr in der Hand. Öfters sagte er: "Hier kommt kein Russe durch."
Am 11.2.'44 mußte ich um 6.50 bei der Panzersperre am Radlerbilde, an der Straße Lewin – Kuttel, antreten. Ein Bataillons-Chef kam zur provisorischen Übung. Ab 10.00 Abmarsch nach Sackisch. Dort wurde eine Handgranate und eine Panzerfaust abgeschossen. Um ½ 12 konnten wir heimgehen. Ich blieb bei Schwager Ernst Welzel in Järker bis Mitternacht, habe dort Skat gespielt mit Tautz August. Am 14.12.'44 mußte ich noch mal zum Volkssturm. Kastner Robert kam nachts um ½ 3, daß ich um 8.00 in Lewin sein muß und für drei Tage Verpflegung mitbringen soll. Wir mußten uns im Saale Machatschke, gegenüber dem Amtsgericht, umziehen. Ich erhielt eine Fliegerhose und einen braunen SA-Mantel. Essgeschirr, Brotbeutel, Feldflasche erhielt jeder. Nach öfterem hin und herlaufen, konnten wir wieder gehen. Ich blieb bei meiner Schwester Anna über Nacht. Am nächsten Tage wieder der ganze Haufen antreten bei Machatschke. Dort war neben dem Kompanieführer Schilder auch der Ortsgruppenleiter und Bürgermeister von Lewin, Anton Dinter. Er siebte die Männer aus. Zu mir sagte er: "Feist, rechts raus, nach Hause Milch fahren." Bald gingen wir 15 oder 29 Mann, die entlassen waren, in den Saal und zogen unserer Klamotten wieder an. Noch heute höre ich, wie Machatschke sagte: "Nehmt Euch doch Hosen und Mäntel mit heim!" Aber jeder war wohl froh, daß er die Dienstkleidung los war.
Am 16.2.1944 fuhr ich mit P: Hasler nach Glatz wegen einer Heftsäge. Wir hatten ein Kontingent an Stammholz zu liefern, das wir ohne große Säge nicht machen konnten. Unsere Heftsäge hatte ich für Kriegszwecke abliefern müssen. Als wir nach Lewin zurück fahren wollten, konnten wir nicht mit. Der Bahnhof in Glatz war voller Flüchtlinge aus der Breslauer Gegend. Ein Militärauto nahm uns bis Lewin mit.
Am 19.2.1944 mußte ich noch mal zum Volkssturm. Um 8.oo im Barackenlager in Sackisch. Zeuner Schuster, Lachnitt Josef, Kastner Robert, Scholz Oswald und Hasler Paul. Scholz wurde nach Hause geschickt. Ärztliche Untersuchung und Unterricht an 98er Karabinern, Maschinengewehren, Panzerfaust und Handgranate. Drei Schuß durfte jeder auf die Scheibe abgeben. Da es schon dunkel war, traf ich nicht mal die Scheibe. Essen mußten wir ca. ¼ Stunde bis zur Werkkantine der Firma Dierig gehen. So um ¼ 3 war das Mittagessen. Fast alle Männer waren erkältet. Feuchte, kalte Räume, wenig Feuerung. Am 25.2. wurden wir entlassen.
Ab 14.11.1944 mußten alle Fenster verdunkelt werden. Es durfte nachts kein Pünktchen Licht von außen gesehen werden. Ab Dezember 1944 mußte in jedem Dorfe, jede Nacht ein Zwei-Mann-Wache patrouillieren. Ich war auch jede dritte Woche dabei. Waffen hatten wir nicht. Anfang Februar 1945 erhielt jeder, der irgend Platz hatte, Leute aus der Breslauer Gegend. Wir hatten in der großen Stube eine Frau mit einem Mädel und den Schuster Übrig mit Frau und Kind aus Breslau. Frauen und Kindern mußten dort raus, da Breslau zur Festung erklärt worden war. Soweit war der Russe schon vorgedrungen! In Marwans Saal waren viele Menschen aus der Breslauer Gegend untergebracht. Die Bauern waren mit vollbeladenen Wagen, zwei Pferde davor, oft noch ein drittes angehangen, mit Zeltplanen als Verdeck, angekommen. Die meisten hatten noch eine oder zwei Kühe hinten angebunden. Sie wurden zu den einzelnen Bauer verteilt. Wir hatten im Schuppen acht Flüchtlingspferde stehen. Nach einigen Tagen, als ihre mitgebrachten Futtervorräte alle waren, gab ich ihnen von unserem Heu und Hafer. Zuletzt wurde Stroh gefüttert. Der Heuboden war nie so leer wie in den letzten Märztagen 1945. Dazu kamen noch die herrenlosen Viehherden. Unser Dorf mußte 32 Stück aufnehmen. Wir bekamen acht Kalben, die wir in der Scheune des Auszugshauses unterbrachten. Diese Tiere waren bis Mai 1945 bei uns, dann hieß es, sie werden zurückgeführt. Am 4.5.45 ging der Polenjunge Karl abends weg und kam nicht wieder. zwei Tage später war auch der Stanislaus Stwora, der zweite Pferdejunge weg. Ich sollte an diesem Tage wieder um 9.00 beim Volkssturm in Kudowa antreten. Da wir mit der Frühjahrsbestellung noch nicht fertig waren, sandte ich ein entsprechendes Schreiben an den Bürgermeister in Lewin und an unserem Vorsteher. Nachmittags erhielten wir von Glatz den Befehl. daß die Grafschaft Glatz und somit auch wir flüchten, flüchten sollten. Abends war kurze Versammlung in Marwans Saal. Die Leute wollen alle hier bleiben. Am 8. Mai 1945 habe ich mich schweren Herzens entschlossen, einen Erntewagen zurecht zu machen. Wohin es gehen sollte, wußte niemand.
In diesen Tagen wurde die Flugwache auf dem Holzturm, an der böhmischen Seite der Feistkoppe, öfters von Tschechen aufgefordert, ihre Gewehre abzugeben und den Turm zu verlassen. Am 9.5. fuhr ich drei Soldaten von der Flugwache mit Gepäck auf dem Erntewagen nach Borawa. Dort wurden sie auf ein deutsches Militärauto verladen. Die Dorfleute von Borawa waren in ihren besten Kleidern, mit rot-weiß-blauen Fahnen und sehr viel ganz roten. Einige deutsche Soldaten kamen aus der Tschechei, manche mit Pferden. Für sein Pferd wollte jeder einen Zivilanzug. Wir haben drei Soldaten versorgt. Abends haben wir miteinander Skat gespielt. Sie blieben über Nacht bei uns. Ihre Orden und Anzeichen hatten sie am Feuerlöschteich vergraben. Am anderen Tage, Christi Himmelfahrt, ging Trudel nach Lewin in die Kirche. Die Straßen waren voller Russen in Lewin. Als Trudel dies daheim erzählte, waren die drei Soldaten zu Tode erschrocken. Sofort verschwanden sie. Wohin sie gingen? Wir haben nie etwas von ihnen gehört.
Der Flüchtlingsbauer Gowin aus Konradserbe, der bei Agnes Lachnitt wohnte mit seiner Familie und die Pferde in unserem Schuppen hatte, sagte uns spät abends, der Karl (polnischer Pferdejunge) hätte im Dorf gesagt, heute werde ich den Chef und Familie erschießen! Zutrauen konnte man es ihm, Schußwaffen hatte jeder und aufgehetzt waren sie alle gegen uns Deutsche. Wir entschlossen uns, noch nachts zur Oma nach Kuttel zu gehen. Die Kinder wurden geweckt und zurecht gemacht. Im Kinderwagen lag Gotthard, ein Jahr alt, vorn drauf saß Heini, die Mädels gingen daneben. So gingen wir über Spates Felder. Am Bach in Kuttel zog sich Trudel Schuhe und Strümpfe aus und ging durch den Bach zur Oma. Trudels Schwester Maria (Marichen war mit ihren Kindern schon im Winter aus Berlin raus. ihr Mann, Hermann war Soldat) kam dann mit und hat den Kinderwagen und uns allen über den Bach geholfen. Wir blieben zwei Tage dort. Auch die ehemalige Kindergärtnerin Annelies Müssig war dabei. Am 14.5. ging Trudel mal heim nach Tassau. Als sie zurück kam, sagte sie, es ist bessern wir sind daheim; denn wenn kein Mann da ist, machen die Russen, was sie wollen. Ida Schleicher hat in diesem Tagen das Vieh versorgt. Wir entschlossen uns, wieder nach Tassau zu gehen. Der Bauer Gowin kam mit seinem Pferdefuhrwerk von Lewin, bei Oma vorbei. Trudel, die Kinder und Annelies fuhren mit Gowin heim. Ich ging über die Felder nach Tassau. Unterwegs mußte ich mich oft hinlegen oder sonst Deckung suchen. Überall machten Russen Streife nach versprengten deutschen Soldaten. Ich war froh, als ich endlich auf dem Tassauer Wege war. Nachbar Waldemar Marwan, der Gastwirt, stand vor seiner Tür, als ich ankam. Er sagte nur: " Heine, sieh bloß, doß Da hämkommst!" Daheim war schon große Aufregung, weil ich so spät kam. Eine Kolonne mit eingefangenen Männern kam über den Kirchweg, wo ich kurze Zeit zuvor gegangen war, an unserem Hofe vorbei, Richtung Borawa. Eine starke, berittene Streife kam von Gießtrübel über die Felder geritten und durchstöberte jedes Haus. Zwei Männer, die bei uns als Flüchtlinge waren, Übrak und Panlik, und ich, wußten nicht wohin. Wir versteckten uns hinter dem Gemüsegarten, legten uns flach auf den Boden. Nach einer ½ Stunde, wir waren kaum im Haus, kamen wieder neue Russen durch die Wiesen vom Dorfe rauf. Trudel vergrub mich in den Weizen auf dem Speicher. Nach kurzer Zeit bekam ich kaum noch Luft. Da habe ich mich heraus gewühlt und legte mich unter den Blechkorpus, der im leeren Speicherraum lag. Dieser Blechchristus war von unserem ehemaligen Holz-Hofkreuz, da mein Vater 1932 ein Steinkreuz setzen ließ. Das mein letztes Versteck und auch das sicherste. die ganze Nacht gab es keine Ruhe im Dorfe. Die Russen durchstöberten alles, plünderten und belästigten Frauen und Mädchen. Am 15. Mai 1945 haben wir etwas gearbeitet. Der Flüchtlingsbauer Krätzig fuhr mit seinem Rotschimmeln Mist, ich habe aufgeladen. Öfters kamen noch Russen ins Haus, wollten Eier, Butter, Schnaps, suchten nach Uhren, Ringen usw.. Mich haben sie nicht beachtet. Wir waren alle mit unseren Nerven fertig! Ich legte mich nachmittags ins Bett, konnte einfach nicht mehr arbeiten.
Am 17.5. kam ein Traktor mit Anhänger in unseren Hof. Sie holten den Weizen ab, ca. 45 Zentner. Dieser war nicht unser Eigentum, war "rückgeführt aus der Breslauer Gegend". Von unserem Getreide nahmen sie auch noch mit. Zwei russische Gespann kamen am 19.5. nach Heu. Bei uns war alles leer! Sie räumten bei Lotzel, Hanisch usw. Am 20.5., Pfingsten 1945, ging ich mit Trudel nach Lewin in die Kirche. Äußerlich war in den Straßen wieder alles ruhig. Bei den Scheunen in Sichtichfür hatten die Russen aus den dort stehenden Flüchtlingswagen die Schläuche herausgenommen. Nachmittags gingen wir zur Maiandacht in unsere Kapelle, sechs tschechische Männer in Zivil, aber mit Koppel und Gewehren, kamen von Dlouhey, gingen nach Gießtrübel. Pfingstmontag ging ich mit Trudel wieder ins Hochamt nach Lewin. Als wir daheim waren, kamen von allen Seiten wieder Tschechen. Sie guckten bei uns hinter jede Tür, in jeden Schrank. Sie hatten deutsche Uniformen, z.T. neue Langschäfter aus rohem Leder und Waffen. Im leeren Heustall hatte ich einen Winkel mit Brettern verschlagen. Darin haben wir Mehl, Speck und Sonntagskleid versteckt. Ein Brett hatte ich nur lose angenagelt und auf den Balkon eine Zange liegen. Mit einer Taschenlampe mit Dynamo leuchtete einer durch die Ritzen in den Verschlag und sagte: "Beines Mettiku!" Das habe ich verstanden. Es hieß: "Bring Kreuzhacke!" Ich ging in den Heustall und zu den Männern und sagte: "Nix Mettiku!" Ich griff nach der Zange und, zog die beiden Nägel raus und nahm das Brett ab. Jetzt beleuchteten und durchwühlten sie alles. Sie suchten wohl Waffen. Einer fragte, warum ich das Zeug hier habe. Ich sagte ihm: "Wegen den Russen." Daß ich es auch wegen den tschechischen Partisanen versteckt hatte, sagte ich natürlich nicht! Aus diesem Versteck nahmen sie nichts mit. In einer Dachkammer hatten wir noch einige "Schniedlan" Räuberspeck, den nahmen die Tschechen alles mit. Gegenüber der Kirche hatten wir eine Vorratskammer, das "Gewölbe". Darin waren noch ca. 20 Gläser mit Schweinefleisch. Mancher Russe hatte sich schon mal ein Glas mit Fleisch geholt und mit den anderen gleich verspeist. Der Schuster Übrig riet uns, die Einkochgläser einzugraben. Er räumte hinter dem Hofe einen Reisighaufen weg und grub ein Loch. Dorthin versteckten wir das Fleisch und deckten wieder Reisig darauf. Die Tschechen haben aber gemerkt, daß hier frisch gegraben war und hatten bald die Grube frei. Sie nahmen alles mit! Ich mußte ein Pferd anspannen und die Stoffe, die wir von einem Wagen den Borawaern abgenommen hatten, nach Gießtrübel ins Hotel Jirka fahren. diese Stoffe stammten von der deutschen Wehrmacht und hatten in der Badeanstalt in Lewin gelagert. Bei Hanisch Paul luden sie mir noch Lederwaren auf, die einem Sattler aus Segen, Kreis Breslau, gehörten. Auch die Flüchtlingsbauern Gowin und Krätzig mußten mit dem Mietwagen Kisten und einige Säcke vom Lehrer Seider - Glatz, der mal einige Jahre in Tassau Dienst tat, nach Gießtrübel fahren. Die Tschechen holten auch den letzten, rückgeführten Weizen ab, den die Russen noch nicht geholt hatten.
Am 14. Mai '45 fuhren die meisten Flüchtlinge aus Komadsorbe, Kreis Breslau, ab. Von uns aus: Hermann Krätzig mit Frau und drei Jungen, mit seinen Rotschimmeln der alte Zimmermann Schreiner mit Frau und Tochter und unsere ersten Flüchtlinge, Schuhmacher Adolf Übrig mit Frau und Tochter Annelies und Frau Emma Monde mir Tochter Ruth aus Breslau. Diese Breslauer wohnten seit Februar in der guten Stube und kochten ihr Essen auf unserem Herd. Für Pastor Kluge mit Frau und zwei Töchtern kochte Trudel mit. Am 25.5. fuhr Familie Kluge ihr Gepäck mit Handwagen zum Bahnhof Lewin, wurden aber zurückgewiesen, da Russen und Tschechen Haussuchung machten wegen Waffen. Bei uns räumten die Tschechen alles aus, was nicht gut versteckt war. nachmittags fuhren Kluges endgültig ab.
In den Tagen zuvor waren die Dorfbevölkerung und die Flüchtlinge in Marwans Saal geladen. Der Kommandant aus Kudowa hatte dazu aufgerufen, wegen der Krawalle, die Tag und Nacht um Dorfe die Menschen bedrängten. Ein Dolmetscher übersetzte die Ausführungen ins Deutsche. Er sagte u.a.: "In jedem Hause, das kontrolliert wird ohne Dokument mit Stempel, sollen alle Menschen schreien und Krach machen" und "Menschen, von dem Deck haben wir genug." Am meisten haben wir gestaunt, als gesagt wurde: "Daß Hitler nicht tot ist, wißt ihr genauso gut wie wir!" Der russische Kommandant ordnete an, Tag und Nacht im Dorfe Streife zu gehen, zwei Mann je zwei Stunden. Jeder, auch ich, kam jeden Tag zweimal dran. Kamen Tschechen oder Russen in ein Haus, sollten die Hausbewohner alle schreien oder sonst Krach machen. Ich erlebte so eine Kontrolle in unserem Haus. Alle machten Lärm, besonders die Kinder. Ida Schleicher hatte einen Pflugschar in der Hand und schlug mit einem Hammer darauf. Ich hatte eine Trillerpfeife und blies tüchtig damit. Ein Russe riß sie mir aus der Hand und schlug sie mir auf den Kopf.
Tags darauf kamen wieder etwa 15 Russen in unser Haus. Sie wollten ein Pferdegeschirr mitnehmen, das hinter der Haustür hing, aber Trudel und Ida machten Krach, da schraubte einer nur einen Kummathaken ab. Die Zange wollte er sich auch mitnehmen. Am 28.5. kamen wieder drei russische Soldaten geritten. Sie verlangten fünf Kühe von mir. Ich benachrichtigte den Bürgermeister Hasler. Der ging dann mit den Russen im Dorfe herum. Es sollen für morgen acht Stück Vieh geliefert werden, zum Schlachten. Kein Milchvieh! Der Kommandant aus Kudowa soll kommen. Da keiner erschien, unterblieb vorläufig die Ablieferung.
Am selben Tag fuhr der Bauer Kartscher aus dem Kreise Kreuzberg, Oberschlesien, mit seiner Familie ab. Er hatte sich eine zweirädrige Karre zurechtgemacht aus einer Droschke, die ich ihm schenkte und ein Verdeck darüber gemacht. Das Pferd stand vier Wochen bei uns im Stall. Nachmittags trieb ich mit unseren Mädels fünf Kalben in die Weide "Im Grund". Das war eine große Wiese an der Järker Grenze hinter unserem Wald. Vier Koppeln hatten wir dort. Wasser war in dem kleinen Bach immer da für das Vieh.
Fronleichnam, 31.5.1945. Heute mußte Vieh geliefert werden. Zwei Kalben von den Rückgeführten aus der Scheune um Auszugshaus wurden von Fleischermeister Strichauke - Kudowa mit vier gesellen abgeholt und sogar bezahlt! Trudel war mit den Mädels, die sie für Fronleichnam zurecht gemacht hatte, im Hochamt. Sie sollen bei der Prozession Blumen streuen. Die Prozession fiel aber aus, da es regnete. Am 1. Juni 1945 kamen wieder drei Russen von Borawa rüber zu Fuß. Sie suchten nach deutschen Soldaten, nach Waffen, Radio, Fernsehapparaten. Wir haben ihnen Eier gebraten und aßen ein Glas Fleisch dazu, das sie sich im Gewölbe holten. Meine Feuerwehrjacke erwischten sie, meinten wohl. es sei ein Militärstück. Ein junger Soldat hatte dauernd den Heini auf den Beinen, gab ihm Ei und Butterbrot. Die drei tranken eine Flasche Schnaps leer, die sie bei sich hatten. Am 3.6. ging die Fronleichnamsprozession um den Lewiner Ring. Endlich konnten unsere Mädels Blumen streuen.
Nachmittags kamen drei Russen mit Einspänner Panjewagen in den Hof. Sie wollten zwei Hühner, die sie mit 20,-RM bezahlten. Sie fuhren nach Borawa weiter. Ich ging ihnen nach. An der Pferdekoppel blieben sie stehen. Die Pferde standen am Eingang, sie wollten in den Stall. Einer hob den Schlagbaum. Die nahmen sich die elfjährige Fohlenstute mit. Einer setzte sich darauf stieg aber bald wieder ab. Das Pferd war ziemlich mager, da war das Reiten im Galopp eine Qual. Ich telefonierte von Marwan aus zu Bürgermeister Hasler, daß er den Vorfall dem russischen Kommandanten in Kudowa meldet. Es geschah aber nichts, das Pferd war weg.
Am fünften Juni kam Hasler Paul, ich soll eine Fuhre stellen, Kartoffeln von der Genossenschaft Lewin nach Glatz fahren. Da ich schon ein Pferd weg hatte, mußte Lotzel Josef eins dazugeben. Dazu ist zu bemerken, daß Lotzel immer nur Ochsengespanne hatte. Zwei Pferde hatte er von deutschen Soldaten, die aus der Tschechei kamen, für je einen Zivilanzug eingetauscht. Er hatte die beiden Pferde in der Scheune in seinem Auszugshause. Lotzel brachte ein Pferd mit einem Ochsenkummet. Ich gab ihm ein Pferdekummet. Aus Tassau fuhren drei Zweispänner. Im ganzen waren es zehn Fuhrwerke. Jeder erhielt eine lächerliche Ladung Kartoffeln, etwa 12 -14 Zentner! Mit fünf Wagen hätten wir die Kartoffeln auch weggefahren. Wir ahnten nichts Gutes. Erst 10.00 Uhr abends fuhren wir vom Lewiner Ring ab, bis Hordis zum Kalkhofen. Dort mußten wir bis früh ½ 6 Uhr warten. Alle Wiesen im Hordistal lagen voller Russen mit Fuhrwerken. Wir selbst hatten drei Russen als Begleitung. Wir fütterten unsere Pferde und fuhren endlich los. Bis Rückers ging es glatt durch, dann wieder ¾ Stunde warten. Aus allen Ecken rückten Russen mit Fuhrwerken, Lafetten und Reiter an. Autos fuhren eine lange Reihe in Richtung Glatz. Eine Herde Vieh wurde an uns vorbei getrieben von Dominium Rückers. Wir mußten auf Seitenwegen über Walddorf-Neuheide ausweichen. Dort gingen unsere russischen Begleiter in die Häuser nach Eßwaren suchen. Nach kurzem Warten ging es weiter bis "Halbe Meile", vor Glatz. Dort mußten wir alle in die Koppel von Bauer Idam, bis der Russentreck vorbei war. Gegen ½ 10 Uhr vormittags kamen wir dort an. Warten und bummeln! Unser Pferdefutter war aufgebraucht. In der Nähe stand in einem Kleefeld ein Grasmäher. Da wir die Pferde nicht abspannen durften, haben wir vier Mann die Maschine gezogen und zwei Mann geschoben. So hatten wir nach kurzer Zeit Futter genug. Die Russen besorgten uns zwei Sack Gerste für die Pferde, die wir aber so nicht füttern konnten. Unser Gemeindevorsteher Hasler, der sein einziges Pferd dabei hatte, wollte endlich mal wissen, wann es weiter geht. Mit Urban Ferdinand - Lewin und Hasler ging ich nach Glatz, wollte vom russischen Kommandanten Auskunft haben. Wir trafen ihn aber nicht an. Als wir zurück kamen, erhielten wir Männer auch etwas zum Essen, denn unser Reiseproviant war aufgebraucht. Man gab uns Pellkartoffeln mit Quark. Wir sollten nochmals übernachten, jeder richtete sich auf den Wagen eine Schlafgelegenheit ein. Plötzlich kam der Befehl: "Abrücken!" Als alle Fuhrwerke auf der Straße waren, nahmen die Russen alle weg. Mich stieß eine vom Wagen, nahm mir Leine und Peitsche ab. Ich schrie nach Hasler. "Paul, die nahma mir die Pfade weg!" Er rief zurück: "Mir a!" Jeder von uns hatte es wohl geahnt. So mußten wir zu Fuß in der Nacht nach Lewin gehen, kamen erst nach 6 Uhr an. Bei Bürgermeister Tiese meldeten wir den Vorfall. Lotzel, Hasler und ich gingen zu Exner Bäcker Kaffee trinken. Ich war sehr müde, als ich daheim ankam und schlief den ganzen Tag.
Am 9.6.1945 ging unsere ältere Tochter Ursula zur Heiligen Erstkommunion. Meine Schwester Anna Hoffmann mit ihren Kindern Bärbel und Gerhard waren bei uns, blieben über Nacht. Am 12.6. erhielten wir die Nachricht, unsere Pferde in Glatz abzuholen. Auf den Habelwiesen wimmelte es von Pferden und Soldaten. Nach allen Richtungen suchten wir nach unseren Pferden, gesehen haben wir aber keines.
Am 20.6. brauchten wir Tassauer Männer nicht mehr auf Dorfwache gehen. Acht Polen übernahmen unseren Wachdienst. Vier waren im Gasthaus Marwan und vier im leeren Hillman Haus im Niederdorf untergebracht. Den ersten Abend haben alle acht bei uns gegessen. Am 26.6.1945 kam die Nachricht, daß wir unsere Heimat verlassen und bis hinter Görlitz werden sollen. Gemeindevorsteher Hasler hatte in Eile die Dorfleute zur Schule bestellt. Es verlas vor den zahlreich Erschienenen den Räumungsbefehl vom Grenzschutzkommandanten in Wünschelburg. Die einheitliche Meinung der Dorfleute: "Wir bleiben, wo wir sind und wenn wir mit Frau und Kindern in unseren Häusern erschossen werden!" Denn unterwegs kommen wir sowieso um. Nirgends gibt es etwas zu essen, das haben die Russen überall herausgeholt. Wir hätten je Person 40 Pfund Gepäck und Essen mitnehmen dürfen. Das wäre bei uns nur mit Fuhre möglich gewesen, denn unsere damals Jüngsten, Heinrich und Gotthard, waren erst drei und ein Jahr alt. Wir wollten zwei Milchkühe und von Marwan einen an den Wagen hängen. Vorsichtshalber ließ ich bei Nachbar Marwan bei einem Pferd den Hufbeschlag in Ordnung bringen. Als ich noch in der Schmiede war, kam die Nachricht, daß die Aussiedlung vorläufig aufgehoben ist.
Da Hasler Parteimitglied war, übergab er mir den Posten als "Ortslandwirt". Am 29.6., Peter-und-Paul-Feiertag, fuhr ich zur ersten Tagung nach Glatz, die ½ 11 Uhr im Rathaus sein sollte. Ich fuhr mit dem ½ 7 Uhr Zuge und ging in die Glatzer Pfarrkirche zu Gottesdienst. Erst um 11 Uhr begann die Tagung. Um das Rathaus Hunderte von Glatzern, die mit einigen Habseligkeiten aus ihren Häusern verjagt worden waren und in Begleitung von Miliz zum Hauptbahnhof getrieben wurden. Die Polen wollen sich in ihre Häuser setzen.
Der Sitzungssaal war sehr entmöbelt. Die meisten Bauern standen herum und setzten sich dann auf Parkett. Als ein Pole die Versammlung in polnischer Sprache eröffnete, haben wir uns erstaunt angesehen, denn nicht einer verstand polnisch. a sagte der Redner in klarem Hochdeutsch: "Ich merke, daß einige die polnische Sprache nicht verstehen und spreche daher Deutsch!" Es ging um die sichere Einbringung der Ernte. Jeder Ortsvertreter gab an, was in seinem Dorfe an Zugvieh, Wagen usw. fehlte. Alles wurde notiert. Vor allem fehlte es an Arbeitskräften. Zum Schluß meldete sich ein deutscher Bauer zu Wort. Er sagte: "Wie vereinbart es sich denn, hier beraten wir über die Einbringung der Ernte und draußen werden die deutschen Menschen aus ihren Häusern gejagt?!" "Das hat mit uns nichts zu tun", war die kurze Antwort. Hierzu ist zu bemerken, daß diese Versammlung eine reine Formsache war, denn wo sollten die Polen Zugtiere oder auch nur ein Wagenrad hernehmen! Der Russe hatte ha schon alles herausgeholt, besonders auch Nutzvieh.
4.7.1945. Einige Polen versuchen, bei uns Schnaps zu machen. Sie bringen ca. ½ Zentner Mehl, das sie in Krauttonnen einweichen. Bis abends läuft es dauernd über. Dann wurde der Brei in den Viehkessel geschüttet, der im Flur stand. Schnaps wurde nicht daraus! Andere Polen haben alles ausgekippt.
Schwager Ernst Welzel - Järker ruft bei Nachbar Marwan an, daß zwei Zivilisten in der Jungviehkoppel im Grunde (an der Järker-Grenze) Kalben einfangen wollen. Mit Marwan ging ich in den Grund, sahen aber keinen Menschen dort. Wir trieben die Kalben heim. Das war keine leichte Sache, denn wie waren wie wildes Vieh. So konnte man verstehen, daß es die Diebe nicht fertig brachten, ein einzelnes Vieh von der Herde zu trennen. Am 6.Juli reisten die polnischen Wachmänner ab. Die beiden Polenjungen Karl und Staschek, die bei uns über ein Jahr gearbeitet hatten, wollten in ihre Heimat, holten sich die Arbeitspapiere. Wir gaben ihnen Brot und Butter mit auf die Reise.
In diesen Wochen hatten wir oft deutsche Leute bei uns, die sich in unserem Dorf noch sicher fühlten. Sie haben viel auf den Feldern geholfen. Am Magdalenenfest, 22.7., hatten wir nochmal viele Gäste bei uns. Trudels Mutter, der Bruder Hubert mit Familie (wanderte 1953 nach Chile aus), meine Schwester Anna und ihr Mann Gerhard mit ihren Kindern und drei Freuen aus Thomaskirch, Kreis Breslau. Eine der Frauen, Frau Praulich, wohnte mit Familie bei uns im Auszugshaus. An diesem Nachmittag zog ein Unwetter auf. Gestern hatte ich auf dem Köppelstück das Heu in Schwaden gerollt, das wollten die drei Frauen auf Haufen setzen. Auf halbem Weg fing ein toller Sturm an, alle legten wir uns platt auf die Erde. Das gerollte Heu war vom Sturm weggeblasen. wir hatten eine Fuhre Heu am Heustall im Freien stehen. Hubert und Gerhard liefen zum Hof, um eine Plane aufs Heu zu decken. Der Wagen war aber vom Sturm umgekippt. Auch auf den Dächern sah es schlimm aus und Äste von den Bäumen lagen überall herum. Am nächsten Tag fingen wir zuerst mit Dachreparaturen an. Hubert half mir. Als die Dachschäden behoben waren, gingen wir wieder ins Heu. Das Heu vom Köppelstück lag am Waldesrand in den Sträuchern.
Am 31.7. kam eine Einspännerdroschke mit Kutscher und einem polnischen Oberleutnant. Er notierte sich nach meinen Angaben die Größe des Hofes und den noch vorhandenen Viehbestand. Zu Trudel sagte er, daß hier mindestens 15 Arbeitskräfte fehlen. Wir hatten in dieser Zeit keine Not damit. Postinspektor Kunze mit Frau aus Breslau hatte Zuflucht bei uns gesucht. Er tat jede Arbeit, sogar Ställe misten. Die ehemalige Kindergärtnerin Annelies Müssig und Tschoß Bernhard halfen täglich. Auch unsere Nachbarin, die Taubstumme Schorlene, half uns gern. In dieser Zeit hat jeder ausgeholfen, wo es Not tat, ob mit Handarbeiten Erntewagen oder einzelnen Rädern oder Ackergeräten. Unser Nachbar Marwan, Gastwirt und Dorfschmied, hat alle Reparaturen an Wagen und Geräten, sowie Hufbeschlag noch, nur mußte ich oft für Schmiedekohle sorgen. Am 15.8. wurde ich mit den Pferden zum Dominium Gellenau bestellt. Dort mußte ich Hafer mähen mit der Flügelmaschine, wie wir sie auch hatten. Mittagessen erhielten wir in der dortigen Schule, das von einer Tochter des Gesandten von Mutius als Eintopf zubereitet war. Dieser von Mutius war ein Bruder des Gutsbesitzers von Gellenau, der keine Kinder hatte.