Der erste Hofpole!
Am 16. August 1945 kam ein etwa 55-jähriger Pole als "Aufseher" auf unseren Hof. Jan Wonsowicz. Er stammte aus der Gegend von Lemberg und sprach leidlich Deutsch. Wir wiesen ihm die große Stube an und beköstigten ihn auch. Dieser Mann war zu uns sehr vernünftig. Öfters habe ich mich mit ihm unterhalten und seinen schmerzenden Rücken massiert. Am 25.8. fuhr ich mit dem Erntewagen, um beim Dominium Gellenau Getreide einfahren zu helfen. 28.8.: Heute die erste Fuhre von unserer Ernte, 18 Zentner Roggen, mit Leiterwagen nach Glatz, für die Russen, ins Lager Hassitz, bei Glatz. Nachts 2 Uhr war ich daheim, 6 Uhr mußte ich wieder beim Dominium Gellenau sein. Alle Tassauer Pferdefuhrwerke waren dort. Da es keinen Begleitmann gab, durften wir wieder heim.
30.8.1945: Mit 14 Zentner eigenem Weizen nach Glatz, aber immer zuerst nach Gellenau.
1.9.1945: Mit Weizen, nicht von uns, nach Glatz fahren. Wir waren fünf Fuhrleute. 3 Uhr erst daheim, da wir von Hassitz zum Hauptbahnhof fahren mußten und von dort zur Frankensteiner Straße. Dort mußten wir die Säcke über drei Treppen hoch tragen. Um mit der Ablieferung fertig zu werden, mußten wir auch sonntags dreschen.
3.9./Montag: Mit anderen Tassauern wieder nach Glatz mit Getreide. Da wir gleich zur Frankensteiner Straße fahren durften, war ich schon um 1 Uhr zurück. Bei Frau Schmidt, die im Auszugshause wohnte, wurde von polnischen Soldaten geplündert. Alle Kleidung von ihrem Mann und den Kindern nahmen sie mit. Schwager Hubert und Herr Kunze wurden von polnischen Soldaten verprügelt. Sie behaupten, ein fremder Mann soll hier versteckt sein. Dem Hubert nahmen sie die Ausweispapiere weg.
Einen Tag nach Glatz, den anderen Tag mit dem Binder mähen! Das hielt das zweijährige Fohlen nicht aus. Zwei Pferde hatten uns die Russen genommen, nur eine siebenjährige Stute, die ein Fohlen hatte, das war noch unser einziger Pferdebestand. Daheim hatten sie nichts zu dreschen, da ich keine Zeit hatte, Getreide einzufahren, wenn ich jeden zweiten Tag nach Glatz fahren mußte. Vom Ernterussen wurden einige Fuhrleute im Dorfe bestellt, bei uns Getreide einzufahren.
Als drittes Zugtier mußte der schwere Zuchtbulle im Binder mitgehen. Als ich auf dem großen Sandfeld Hafer mähte (der Bulle war im Linksbinder außen rechts angeschnallt), fiel vom Zugscheid ein Haken ab. Ich stieg ab und klopfte ihn mit einem Hammer fest. Am anderen Ende stand der Ernterusse und drohte mit einem Stock. Er war wohl der Meinung, ich hätte absichtlich gemurkst. Als ich bei ihm war, schlug er mit dem Krückstock, der nur halblang war, auf meinen Rücken. Das habe ich wochenlang gespürt, denn oft klebte mein Hemd daran. Daheim waren Trudel und die Leute am Dreschen. Mein Vater trug die Preßballen über den Hof unter die Durchfahrt am Kuhstall. Da erfuhr ich,, daß der Russe auch meinen Vater geschlagen hatte, daß der Stock zerbrach. Am 5.9. wieder Getreide nach Gellenau fahren. Ich hatte auf dem Leiterwagen 12 Zentner Gerste, 6 Zentner Roggen und 7 Zentner Weizen. Dies mußte ich in einen Saal im Schloß tragen. Dann mußte ich Weizen einsacken und 16 Zentner auf meinen Wagen tragen und ab nach Glatz. Die dortigen Lager waren voll, so fuhren wir vom Hauptbahnhof wieder zur Frankensteiner Straße. Dort wieder drei Treppen hoch tragen. ½ 3 Uhr erst wieder daheim. Ich hatte von Spata ein Pferd dabei, da unser Zweijähriges die viele Arbeit nicht aushielt. Wenn ich von Glatz heimkam, hat er nichts gefressen, legte sich bald lang hin. Es war eben zuviel für das junge Tier.
Daheim waren alle noch in großer Aufregung, die Kinder weinten. unter Leitung von Zivilrussen hatten polnische Soldaten tüchtig geräubert. Folgende Dinge nahmen sie uns weg: meinen besten Anzug, meine sämtlichen Hemden und Unterhosen, eine lederne Brieftasche aus dem Bett, mit ca. 800,- RM, Trudels Sommermantel, Vaters Sonntagsanzug, seine Hemden und die Bettwäsche. Ein 80-Pfd.-Schwein erschossen sie und verluden es in einen PKW. Von Herrn und Frau Kunze nahmen sie die letzten guten Sachen: Armbanduhr, Anzug, Wäsche, Rasierapparat und 2700,- RM bares Geld. Uns nahmen sie noch 6 Pfund Butter und 140 eingelegte Eier samt dem Topf und die Gläser mit den Kirschen. Auf meinem Schreibtisch unter den Schnellheftern hätten sie Polen drei scharfe, deutsche Patronen gefunden, deshalb mußte "Kontrolle nach Gewehren" gemacht werden. Wir hatten so etwas nicht im Haus! Trudel hat vormittags aufgeräumt, da hat sie keine Patronen gesehen. Einen Grund mußten sie ja haben, um uns zu plündern!
Am Sonntag, 9.9., ging ich mit Ursula und Maria in die Kindermesse. Trudel konnte nicht in die Kirche gehen, da eine Krampfader blutete. An diesem Tag starb im Krankenhaus in Lewin Josef Herzig an Herzkrämpfen. Er war fast 30 Jahre auf unserem Hofe tätig. Herzig war ein sehr kräftiger Mann, hatte aber in seiner Schulzeit weder lesen noch schreiben gelernt. Aber beten konnte Herzig gut. Er betete vor dem Einschlafen immer ganz laut seine Abendgebete. Diese bete ich bis heute noch jeden Abend.
Am 12.9., waren wir mit Hafer einfahren beschäftigt, mit Wechselwagen. Die volle Fuhre wurde in der Scheune abgeladen, der andere Wagen war auf dem Felde nach neuer Frucht. Trudel, Ursula und Maria halfen dabei. Die Bindergarben waren nicht schwer. Als ich wieder mit einem vollen Wagen ankam, war der andere noch halb voll. Ich hörte, daß Trudel eine Garbe an die Krampfadern bekommen hatte, die sehr bluteten. Die Leitersprossen waren alle mit Blut bespritzt. Zufällig kam eine Krankenschwester. Sie verband die Wunde. Drei Tage später kam ein Arzt. Er ordnete an, daß Trudel etwa 10 Tage ins Krankenhaus muß.
16.9.1945: Heute gehe ich mit den Mädels ins Hochamt, danach zum Grabe von Herzig. Beim Küster bezahle ich die Beerdigungskosten von 35,50 RM. Der Totengräber erhielt 25,- RM. Dann zur Sitzung bei Stonner von der Spar- und Darlehenskasse, wo ich im Aufsichtsrat war. Drei polnische Soldaten waren daheim, ob die Arbeit ruht. Am 17.9. fuhr ich Trudel ins Krankenhaus Lewin. Annelies Müssig, die ehemalige Kindergärtnerin, kam mit zurück. Sie war einige Tage wegen Gelbsucht in Behandlung. Abends kam die Nachricht, daß ich für die Russen Getreide nach Glatz fahren soll. Telefoniere mit dem russischen Kommandanten in Lewin, daß meine Frau im Krankenhaus ist und ein Pferd lahmt.
19.9.: Heute mußte ich eine Kalbe für die Polen liefern. 8 Zentner Kartoffeln für die Schwestern abwiegen. Kreislandwirtschaft schickt mir eine lange Liste. Um sie richtig auszufüllen, gehe ich zu Hasler wegen den Unterlagen. 20.9.: Ein polnischer Leutnant und ein Mann bestellen Nachtessen für neun Mann. wir hatten kaum noch Brot, so holte ich von Welzel und Hanisch Brot. Die letzte Butter aßen sie auf. Um Mitternacht zogen sie ab. Zwei Pferde stellen sie in den Stall, ich mußte ihnen Futter geben.
Am 21.9. haben wir bei uns Kartoffeln gegraben. Marwan Waldemar mit seinen Kindern Gotthard, Christel und Irmgard, für ihre Tante Birgel in Bad Reinerz. Stonner Karl und Langfeld Max aus Lewin, beide mit ihren Jungen. Am 23.9. ging ich mit den Mädels ins Hochamt und dann zu Mama ins Krankenhaus. Am 27.9. durfte Trudel heim. Für 16 Tage und Annelies 1o Tage, habe ich 66,- RM bezahlt.
Der polnische Bürgermeister Roron, der Haslers Hofpole war und im Beamtenhaus ein Büro hatte, borgte sich von uns Pferde und Wagen, um Butter und Eier nach Gellenau zu fahren. Am 30.9. hat Roron und unser Pole Wonsowicz im Dorfe das Vieh gezählt. Sie übergeben mir den Mahlschein, 120 kg Roggen für 9 Personen, für Oktober. am 2.10. donnerten schon um ½ 5 Uhr zwei polnische Soldaten an die Haustür. Sie wollten Tabak und nahmen sich von unseren Polen aus der Stube Tabak. Wonsowicz war diese nacht nicht da. Am 3.10. mußte ich ein Fuhre Heu nach Lewin abliefern. Es sollte in der Pfarrscheune abgeladen werden. Es waren viele Fuhrwerke. Ich mußte von 10 Uhr bis ½ 2 Uhr warten, dann im Hofe von Urban Ferdinand abladen.
8.10.. Heute haben polnische Soldaten eine Zuchtsau von vier Tage alten Ferkeln geholt und im Personenauto abgefahren. Der polnische Bürgermeister will diesen melden. Ich mühte mich lange, hing die kleinen Dinger einer Sau an, die drei Wochen alte Ferkel hatte. Am zweiten Tag nahm die Sau die fremden Ferkel an. Die größeren mußten Saufen lernen.
Für Sonntag, 7.10., werde ich zum Pflügen beim Dominium Gellenau bestellt. Ich fuhr um 7 Uhr weg, lud den Pflug vom Felde auf und fuhr über Järker nach Gellenau. Dort waren etwa 50 Pferde- und Ochsenbauern mit ihren Pflügen. Ich arbeitete bis 4 Uhr und durfte als einziger heim, da ich den polnischen Verwalter darum gebeten hatte. Die anderen mußten bis 6 Uhr pflügen.
10.10.: Der polnischer Bürgermeister geht im Dorfe herum, wegen Vieh abliefern. Wir sollen morgen zwei Kühe abgeben. Tassau allein 26 Stück! Tags darauf trieben wir das Vieh auf die Felder vom Scholz, an der Pfarrscheune Lewin. etwa 266 Stück waren aufgetrieben. Dieses Vieh mußte umsonst abgegeben werden, angeblich für nahe Gehöfte in Schlesien. 12.10.: Musterung des Viehbestandes auf dem Lewiner Ring. Ich zog mit den Bullen los, hängte einen Zugochsen an. Gertrud, die bei uns arbeitete, trieb fünf Kühe und fünf Kalben. Eine Kuh, die frisch gekalbt hatte und zwei hochtragende Kalben blieben daheim. Nach vier Stunden warten kamen wir endlich dran. Den Kühen beguckte ein Pole das Gebiß. Eine Kuh erhielt in jedes Ohr ein Loch. Ursula und Maria waren auch mit. Trudel war am Brotbacken, als sechs polnische Partisanen kamen. Sie erhielten ein Brot und ein halbes Pfund Butter.
Der polnische Bürgermeister und ein anderer Pole waren bei uns wegen den Grundstücken. Ich soll die erste Rate bis 19.10. bezahlen, 834 Zloty! 66 Zloty von Hektar Land, 6 Zloty von Hektar Wald 90. Mir ist das nicht möglich. Ich erkläre den Herren, daß es erstens ein Fehler ist, Vieh, Getreide und Heu umsonst abzugeben und zum anderen genau dasselbe zu bezahlen, wie um Glatz herum. Öfters kamen dann auch Leute nach Ferkeln, da erhielt ich die ersten Zloty. Für Kartoffeln, die sich die Leute selbst ausgruben, erhielt ich deutsches Geld. Meist holten sie die Kartoffeln mit Handwagen ab, so auch der damalige Lewiner Arzt Dr. Schober. Nur den Lewiner Schwestern brachten wie sie hin. Auch Tschechenkronen hatten wir noch. Diese, es waren 300 Kronen, gab ich dem polnischen Mädel Gena, die in 14 Tagen in Schlesneý heiraten will, als Hochzeitsgeschenk. Sie war drei Jahre bei uns. Auf Umwegen erhielten wir vor einigen Jahren ihre jetzige Anschrift. Wir schrieben auch an sie, da ihr Mann Deutsch lesen und auch schreiben kann. Wir schickten ihr auch Päckchen. Am 19.10. fährt unser Pole, Jan Wonsowicz, auf dessen Namen unser Hof lief, in seine Heimat Mrowla, in der Nähe von Reichshof.
Am 21.10. habe ich das erstemal die Stromrechnung in Zloty bezahlt. 85 Zloty für Mai bis September. Öfters kamen Polen nach Ferkeln, 100 Zloty das Stück. Am 25.10.1945 Ablieferungsbescheid über 170 Zentner Kartoffeln erhalten.
26.10.1945: Heute wurde unser ehemaliger Lehrer Friedrich Franke in Lewin beerdigt. Er war 46 Jahre in Tassau und wurde 88 Jahre alt. Mein Vater ging auch noch zwei Jahre bei ihm zur Schule. Lehrer Franke war auch mein Firmpate. Einer der bestellten Träger war nicht da, so durfte ich meinen lieben Lehrer und Firmpaten im Sarge tragen helfen.
Am 27.10. kamen um ¼ 4 polnische Soldaten, weil das Licht im Büro brannte. Wir hatten es bestimmt abgeschaltet, als wir schlafen gingen. Ich mußte ihnen die letzte Butter geben, 2 Pfund. Aus dem Gewölbe nahmen sie Birnen mit. Als wir gegen 8 Uhr im Ochsenstall da Vieh füttern wollten, fehlte eine Kalbe, ca. 6 ½ Zentner schwer. Sie war von den polnischen Soldaten in Järker gestohlen worden. Ich meldete dies bald dem polnischen Bürgermeister. In dieser Woche wurde bei Lux Willi ein Schwein, 3 ½ Zentner, bei Spale zwei Schweine, je 80 Pfund, bei Kastner Robert zwei Schweine und bei Prause Anton eine Ziege gestohlen. Am 29.10. war eine Zuchtsau aus dem Ochsenstall verschwunden, von den Ferkeln weg! Die Spur ging wieder am Grundwege raus, in Richtung Järker. wir haben dann unser noch vorhandenes Vieh alles im Pferde- und Rinderstall untergebracht. Es waren noch 15 Stück Rindvieh, eine Zuchtsau von sieben und zwei Pferde! Am 1.11.1945 war unser rotbunter Zuchtbulle "Lux", den wir auch als Zugtier benutzten, aus dem Kuhstall verschwunden. Er war über 15 Zentner schwer. Die Diebe hatten von dem eisernen Stallfenster herausgebrochen, so konnte einer durchkriechen und von innen die Stalltür öffnen. Auch diesen dritten Diebstahl meldete ich bald dem polnischen Bürgermeister. Gehört haben wir nichts davon!
Wegen der Grundsteuer von 834 Zloty war de polnische Bürgermeister mit einem Steuererheber und einem Soldaten bei uns. Soviel habe ich aber nicht. Schwager Gerhard Hoffmann borgt mir 200 Zloty. An diesem 2.11. wurde die erste Dorfstreife eingesetzt, zwei Deutsche und ein Pole.
Als der alte Pole Wonsowicz nach etwa drei Wochen wieder zu uns kam, waren wir froh darüber. Er war ein sehr vernünftiger Mann. Trudel hat für ihn das Essen gemacht und sein Zimmer, die große Wohnstube und sein Schlafzimmer sauber gehalten. Von den letzten Ferkeln, die wir zu verkaufen hatten, bezahlte er die Gemeindesteuer und gab mir die übrigen 1800 Zloty. Der Mann klagte oft über Rückenschmerzen. Öfters habe ich ihm den Rücken massiert, wie ich es bei meinem Vater auch oft tat. Auch Karten gespielt habe ich mit ihm. Nach jedem Essen hat er sich bedankt! Als dies andere Polen erfuhren, durfte er uns Deutschen nicht mehr "Danke" sagen.
Der zweite Pole kam am 28.2.1946 auf unseren Hof. Mit einigen Soldaten, die Gewehre trugen, kam er in die Küche. Ich saß mit Gotthard auf den Beinen am Tisch, bekam gleich von einem einen Kinnhaken, daß Blut aus Mund Nase lief. Der eine zeigt mir an der Haustür ein polnisches Schreiben und sagt in polnisch, daß er jetzt hier Bauer ist. Ich habe das verstanden, da es der tschechischen Sprache ähnelt. Dann ist er etwa 14 Tage weg und bringt seine Frau mit. Er beansprucht als Wohnung das Auszugshaus, wo eine Frau Schmidt mit ihren Jungen schon einige Monate wohnt. Der alte Pole sagt, daß Listen aufgesetzt wurden und 20 -30 % Deutsche hierbleiben könne. Er riet mir, die polnische Staatsangehörigkeit zu beantragen. Das will ich aber nicht, auch Trudel will mit den Dorfleuten nach Deutschland.
In dieser Zeit näht Trudel mit der Nähmaschine große Rucksäcke aus festem Drillisch, wie es zu Pferdekissen benutzt wurde. Ich nähte breite Tragebänder aus demselben Zeug daran. Darunter pinselte ich mit der Schablone, die wir für die Wagentafeln benutzten, den Namen "Heinrich Feist, Tassau Kreis Glatz!" Da kam der alte Pole mal dazu und fragte, war wir da machen. Ich sagte ihm die Wahrheit, wenn wir fort müssen, werden wir Betten und Kleidung reinpacken. Da sagte er: "Das brauchen sie nicht, ich habe für Euch gut gemacht, bleiben Sie hier!" Wir haben aber trotzdem weitergemacht.
Die Parolen gingen hin und her. Am 25. März 1946 kam der "Rausschmeißbefehl" für morgen früh. Die meisten Tassauer waren dran. Ich machte einen Erntewagen zurecht und fuhr am nächsten Tag damit die Habseligkeiten von Nachbar Marwan, Welzel Josef, Hasler Paul (früher Hanisch August, Prause Robert...) zum Lewiner Bahnhof. Als wir bei Marwan am Aufladen waren, kam die Polenfrau zu den Milizen und meldete, daß das Werk und das Antriebsrad von der Nähmaschine fehlen. Das war im Gepäck versteckt und mußte herausgegeben werden. Aber der Sohn Gotthard hatte das Schiffchen in seiner Jackentasche. Er schmiß es über den Straßengraben auf Welzels Feld. So nützte den Polen die Maschine nichts. Mir hatte Gotthard Marwan geraten, aus jeder unserer Maschinen ein Rädchen herauszunehmen, daß die Polen nicht damit fahren können. Ich sagte ihm bald, daß ich das ich das nicht tun werde, auch wenn wir nie mehr zurückkommen. Die anderen Tassauer wurden von ihren Hofpolen zum Bahnhof Lewin gefahren. Es war ein bewegtes Abschiednehmen, wußte doch niemand, wo die Fahrt hinging, ob wir uns jemals wiedersehen werden. Jeder Deutsche mußte eine weiße Armbinde tragen, wenn wir außer Haus gingen. Nach etwa 14 Tagen erhielten wir von Welzel Josef ein Brieflein aus der damals britischen Zone, er hätte sich mit der Armbinde den Arsch abgeputzt!
Im Sommer 1946 hatten wir viel auszuhalten. Wir wollten doch alle Arbeiten so machen, wie wir es gewohnt waren. Der Pole im Auszugshause arbeitete nichts. Hatte er wiedermal etwas Butter und einige Eier beieinander, mußte ich ihm ein Pferd anspannen, mit dem er nach Bad Kudowa fuhr. Jedesmal kam er besoffen heim. Wir nannten ihn Stoffel. Anfang Juli kam die Miliz mit einem Flintenweib. "Franjo", etwa 22 Jahre alt. Ihr Bruder, etwa 17 Jahre, kam mit. Wir mußten in die Dachkammern übersiedeln. Ein Kanonenofen wurde aufgestellt. und mit viel Mühe Ofenrohre bis in den Schornstein geleitet. Auf diesem Ofen hat Trudel die kargen Mahlzeiten zubereitet. Es war jeden Tag dasselbe. Zuerst Pellkartoffeln, dann ein Topf Magermilch. Brot gab es wenig, meist nur von Gerste und Hafer, die wir, wenn die Luft rein war, mit der Schrotmühle klein machten. Das fertige Brot fiel beim Schneiden auseinander, dann haben wir die Brocken und Krümel mit dem Löffel zusammen gekratzt. Selten hatten wir etwas Quark und noch seltener ein wenig Butter. Dann haben wir etwas Salz auf die Kartoffeln gestreut. Als das Speisesalz alle war, nahmen wir Viehsalz auf die Kartoffeln. Eines Tages kam Nachbar Josef Welzel nach etwas Salz, wir konnten ihm nur Viehsalz geben!
Als wir aus Küche und Schlafstube raus mußten, hatte uns die Miliz zugesichert, daß wir auf dem Küchenherd kochen und das nötige Wasser in der Küche holen dürften. War aber das Flintenweib schlecht gelaunt oder nicht daheim, holten wir Wasser aus dem Kuhstall. Es war ja dasselbe.
Jede der drei polnischen "Besitzer" hatte zwei Kühe zugeteilt erhalten. Es waren ja nur noch sechs Stück da! Das Flintenweib wollte von mir wissen, welche Kuh die meiste Milch gab oder in Kürze kalben wird. An Hand des Deckregisters, in dem die Nr. der Ohrmarken der Kühe und der Fettgehalt der Milch, nach der jahrelangen Milchkontrolle, eingetragen waren, nahm sich Franjo die zwei besten Kühe. Auch den Zuchtbullen erhielt sie zugeteilt. Die letzte Zuchtsau hatte Stoffel im Auszugshaus erhalten. Dazu eine interessante Begebenheit... Eines Tages kam die Frau von Stoffel bei uns die Treppe rauf und rief: "Pan, Pan, Swinja!" Ich ging mit ihr zum Saustall und machte den Riegel los davon. Sie Sau lief im Galopp in den Schweinestall zum Eber. Der schnupperte ein Weilchen und deckte sie. Noch ehe wir raus waren, kam das Flintenweib dazu. Sie ließ die Sau nicht eher raus, bis die Stoffelfrau ihr 200 Zloty Deckgeld gab. Pole gegen Pole!
In der Heu- und Getreideernte hielt sich Stoffel einen polnischen Mann als seinen Knecht. Er selber, seine Frau und auch das Flintenweib waren nur auf sich selbst bedacht. Der 17-jährige Bruder von Franjo war der einzige, der mitmachte und die Arbeiten auch verstand.
Mein Vater hatte ein Zimmer für sich, am Heustall, nach dem Teich zu. In dieser Stube hatte er auch die schöne Wanduhr, den Regulator. Den wollte das Flintenweib durchaus haben. Ich verteidigte meinen Vater, schob das Weib zur Tür raus, machte von innen zu. Bald kam Trudel mit der Nachricht, daß Stoffel mit einem Beil kommt. Da hat mein Vater dem Flintenweib den Regulator gegeben. Unsere Gardinen aus Schlafstube und Küche erhielten wir zurück, da Franjo viel schönere irgendwo erwischt hatte. Sie war jetzt prima eingerichtet.
Der erneute Auftritt mit dem Flintenweib hat mir arg zugesetzt, habe Schwindelgefühle, Kopf- und Magenschmerzen. So kann ich nicht mehr arbeiten. Das erzählte ich dem alten Polen. Mein Vater und die Familie müssen doch essen, auch wenn ich vorläufig nicht arbeiten kann. Er sagt mir, daß alle Essen erhalten müssen und weiter, daß eine polnische "Schrift" besagt, daß auf jeder Wirtschaft nur noch ein Pole bleiben soll und zwar der zuerst da war.
Im "Grünen Tal", Gasthaus Migula, an der Tassauer Mühle, aber drüben, hätte ein tschechischer Major gesagt, daß die Polen sowieso in vier Wochen raus müssen, das Glatzer Land erhält die Tschechei. Das hatte mir auch ein junger Mann an der Borawaer Grenze gesagt, als ich auf unserem Felde mit den Pferden dort arbeitete. Einen tschechischen Grenzposten sprach ich mal in tschechisch an. Er gab mir klar deutsch Antwort und nannte mich beim Namen. Auf meine verwunderte Frage antwortete er: "Bevor die Tschechei Protektorat wurde, habe ich hier Dienst getan und oft mit ihrem Vater gesprochen. Kommen sie doch zu uns, machen sie es wie ihr Schwager Sellený! Wenn sie eine Bescheinigung vom Vorsteher in Borawa bringen, daß sie in der Hitlerzeit nicht gegen die Tschechen unternommen haben, gibt ihnen das Glatzer Komitee in Nachod die Berechtigung für einen Hof bei uns, wo ein Sudetendeutscher drauf war. Dann können sie auch ihre Pferde und das Weidevieh mitbringen. Von der Grenze aus haben sie unseren Schutz!!! Ich wußte aber schon, daß Trudel keine Lust hatte, zu den Tschechen zu gehen, genau wie ich auch. Tschechische Partisanen hatten uns ja um Hofe schon genug traktiert. Sie benahmen sich schlimmer als die Russen. Mein Vater wollte in dem Tumult nicht mehr hier bei uns bleiben. Mit meiner Schwester Anna, die ja auch aus ihrer Schmiede raus war, hatte ich vereinbart, daß der Vater zu ihnen kommen durfte. Mein Schwager, Gerhard Hoffmann, hatte mehr zu essen als wir auf dem Hofe. Gerhard war Schlosser und verstand vom Elektrischen viel. Er reparierte für die Polen Autos und Radios und ließ sich dafür nur Lebensmittel geben für seine Arbeiten.
Schwager Josef Sellený mit Familie war nachts von seinem Hofe in Schnellau in die nahe Tschechei geflüchtet. Wir trafen uns manchmal Sonntag nachmittags an der Borawaer Grenze an unseren Feldern. Dabei vereinbarten wir, daß mein Vater zu ihnen kommen sollte, wenn auch Schwager Gerhard Hoffmann raus muß. Um dem Sellený etwas zu helfen, beschlossen wir, eine Kalbe von uns zum Borawaer Fleischer Cap zu bringen. Sellený sollte ihm Bescheid sagen. Am Sonntag, 18.August 1946, war die Luft rein! Das Flintenweib, ihr Bruder und auch Stoffel mit Frau waren bei Marwan zur Tanzmusik bei einer Ziehharmonika. Wonsowicz hatte in seiner Stube Licht. Trudel und ich halfterten die einzige noch vorhandene Kalbe an, ca. 9 Zentner schwer und führten sie hinter unseren Koppeln auf den Nachbarwiesen weg. Das Tier ging aber sehr schlecht. Ich holte aus dem Schuppen etwas Kali und hielt es der Kalbe vors Maul. Da ging es schnell weiter. Als wir über der Grenze waren, war uns schon wohler.
Im Dorf Borawa war großer Trubel. Vor dem hellerleuchteten Gasthaus standen eine menge, meist junge Leute. Es sah aus, als hätten sie auf uns gewartet, um uns zu begrüßen. Einige Häuser weiter und wir waren beim Fleischer. Trudel und ich waren froh, daß wir endlich da waren. Beim Fleischer war alles dunkel. Ich klopfte ihn aus dem Bett. Vor der Tür sagte er, daß er die Kuh heute nicht nehmen kann, es käme Kontrolle, da werden Fleisch und Wurst gewogen und das vorhandene Schlachtvieh aufgeschrieben. Wir konnten das Tier aber auf keinen Fall wieder heimführen. Da rief Cap seine Frau. Sie ging in ein kleines Nachbarhaus, dort stellten wir die Kalbe ein. Wir vereinbarten einen Preis von 6000,- Kronen. Aus amerikanischen Spenden, die der Fleischer und jedes Geschäft erhalten hatten, gab er uns einige Büchsen Fleisch und Wurst. Das andere Geld blieb zur Verrechnung mit Sellený für meinen Vater.
Daheim verwahrte Annelies Müßig, die ehemalige Kindergärtnerin, unsere Kinder. Sie war schon in großer Sorge, weil wir so lange weg blieben. Ich trug der Annelies auf, morgen früh, wenn sie die Kühe vom alten Polen melken sollte, ganz aufgeregt zuerst uns das melden sollte. So tat sie es auch. Ich gleich runter zum alten Polen. Wir besichtigten beide die Türriegel. Alles in Ordnung! Wonsowicz telefonierte gleich zur Miliz nach Lewin und das Flintenweib fuhr mit dem Fahrrad dorthin. Zwei Tage später kamen einige Milizer, die mit Wonsowicz den Stall besichtigten. Ich war beim Mistladen und wurde nicht gefragt. Als sie fort waren, sagte mir Wonsowicz, ich soll Freitag Vormittag nach Lewin zur Miliz kommen.
An diesem 23.8.1946 ging ich um 6 Uhr weg und im Schwesternhaus zur Hl. Messe und Hl. Kommunion. Auch mein Vater war dort. Von daheim hatte ich in einem Rucksack etwas für den Vater mitgebracht, das ich zu meiner Schwester trug. Dann ging ich zur Miliz. Sie war einquartiert in dem Backsteinbau von Maurermeister Blau. Als nach langem Warten der Kommandant kam, sagte er nur immer dasselbe: "Du mir sagen, er große Kalb zapzarapp!" "Wenn Du nicht sagen, morgen nach Glatz, dann nach Breslau!" Ich hatte mir fest vorgenommen, nichts zu sagen, uns hatte ja niemand gesehen mit der Kalbe. Der Trudel hatte ich gesagt, als ich weg ging: "Falls jemand kommt, ich hätte was gesagt, etwas eingestanden, sage nichts, Du weißt nichts!" Tatsächlich war ein Zivilist mit einem Motorrad in Tassau bei ihr mit diesem Argument.
Ich saß zusammengekauert auf dem alten Sofa, mir gegenüber der polnische Kommandant. Als er aus mir nichts herausbrachte, versuchte er, mich mit einer Pistole einzuschüchtern. "Wenn Du nichts sagen, ich Dich totschießen!" Er legte die Waffe vor sich auf den Tisch gab mir eine Zigarette und zehn Minuten. Die Zigarette drückte ich gleich aus. Immer wieder erinnert er mich an die Zeit: "Noch sieben Minuten, noch fünf, noch drei, noch zwei Minuten." Dann ruft er drei Soldaten mit Gewehren. Ich muß mit in den Hof gehen. An einem Schuppen muß ich mich gegen die Sträucher stellen mit dem Gesicht. Ich bin schon lange am leisen Weinen. Hinter mir höre ich, wie die Gewehre entsichert werden. In meiner Hilflosigkeit sage ich noch, die Hände vor dem Gesicht :"Lieber Gott hilf mir!" Der Kommandant sagt dann zu seinen Leuten auf Polnisch: "Won nicz ne wi!" Das ähnelt dem Tschechischen und heißt: "Er weiß nichts!" Einer dreht mich mit einem Ruck um. Auf dem Wege über den Hof bekomme ich Fußtritte ins Gesäß, auf den Rücken und Ohrfeigen. Im Büromuß ich mich über einen Stuhl legen und bekomme noch einige Schläge mit dem Stock. Dann soll ich mir die Schuhe ausziehen. Man wollte mir wohl die Füße zerschlagen. Vor lauter Aufregung konnte ich die Schuhe nicht ausziehen. Da ließ man mich in Ruhe. Mein Vater brachte mir von Anni Butterbrote. Das war auch gut, ich hatte schon mächtig Hunger. Um 6 Uhr darf ich "nach Hause gehen, arbeiten", wie ein polnischer Soldat klar Deutsch sagt. Ich war dann bei Anni und wankte heimwärts. Das Flintenweib, die an diesem Tage ihre standesamtliche Trauung hatte, mußte über Nacht bei der Miliz bleiben. Sie stand im Verdacht, vom Diebstahl der Kalbe etwas zu wissen.
Am nächsten Tage habe ich nichts tun können. Sobald ich aufstand, wurde ich schwindlig, hatte Kopfschmerzen und die Augen brannten. Ich schreibe zwei Briefe, an den polnischen Kommandant in Glatz und an den Wojwoden in Breslau. Es hat sich aber nach diesen Schreiben nichts geändert.
Ich wollte bei Spatas Polen, Korowicz, sechs Zentner Saatroggen tauschen. Er will nichts säen, will bei den Banditen nicht bleiben! Schon öfters hat er in Lewin gemeldet, was für Zustände auf den Höfen herrschen, wenn die ein paar Kilo Butter oder einige Liter Schnaps erhalten würden, wäre schon Ordnung! Wenn er für Wonsowicz oder für mich tauschen sollte, hätte er es schon getan.