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 Vertreibung aus der Heimat

Am 11.10.46 kam die amtliche Nachricht, für morgen 8 Uhr bereithalten! Wir fangen bald an zu packen. Für vier Tage sollen wir Essen mitnehmen. Dem polnischen Ehepaar Hutta, bei Marwan, gab ich allerhand Waren, u.a. unseren Kinderwagen, fünf Rollen Bindegarn, zehn Pfund Nägel, Schuhfett, die Wirtschaftsbücher, Ersatzteillisten vom Binder und Heuwender, Familienchronik und zwei Fotoalben. Die beiden letzteren hätten wir mitnehmen können, wir hätten sie durchgebracht! In dieser Nacht haben wir kaum geschlafen. Um 8 Uhr kam die Nachricht, daß es heute nicht fortgeht! Erst dann ging Mama schlafen. Gegen Abend kommt der Befehl "Morgen früh alles fertig zur Abreise!" Jeder sollte nur 40 kg Gepäck mitnehmen, ohne Fuhre! Auf meine Beschwerde hin, wurde uns Fuhre erlaubt. Unsere Kinder konnten doch unmöglich 40 kg fortbewegen. Und wir Eltern wären auch nicht weit gegangen damit. So bauten wir noch bei Hoflicht einen Erntewagen an.

Sonntag, 13. Oktober 1946:

Die Kommission kommt rauf in unsere Dachkammern. Als wir unsere Klamotten raus hatten, verschließen und verkleben die Herren die Türen. Reron, bei Hasler, sagt, da kommt Wehrmacht rein. Die Schorlene (die Taubstumme) hatte ihre Sachen auch bei uns, wir nahmen sie auf unserem Wagen mit. Auch von Prause Anton, den die Polen auf den Hof von Nachbar Josef Welzel beordert hatten, luden wir das Gepäck auf unseren Wagen. Der Staschek, Bruder von Flintenweib, fuhr uns. An diesem Tage war Lewiner Kirmes. Als wir bei Oma vorbeifuhren, brachte sie uns Kuchen. Hinter der Johanneskapelle geht es bergauf. Dort mußten die Kinder und die Schorlene absteigen, sonst hätte Staschek die Pferde abgespannt. Am Lewiner Bahnhof waren schon Leidensgefährten aus den anderen Dörfern anwesend. Wir luden die Sachen ab. Für mich war der schwerste Abschied der von den Pferden. Ich habe beide weinend umarmt! Erst am Nachmittag kamen die Waggons. Wir luden ein, alle Tassauer, 35 Personen samt ihrem Gepäck in einen Viehwagen. Unsere Truhe, an die der Zahlten-Tischler vier Rädchen gemacht hatte, stellten wir an die Schiebetüren, als Tisch für alle. Die Lok holte dann noch aus Sackisch die Waggons. Es waren nun 32 Stück! Die Lokomotive zog diese Last nur bis hinter den Tunnel, wo es dann steil wurde, ging es nicht mehr weiter. Langsam wurde der Zug zurück zum Lewiner Bahnhof gefahren und die Hälfte der Waggons abgehängt. Uns fuhr man bis Bahnhof Reinerz. Nach zwei Stunden war endlich der Zug wieder vollständig. Es war unterdessen Nacht geworden. Wir fuhren bis Glatz- Hauptbahnhof. Im Wagen suchte sich jeder einen Winkel zum Schlafen. Anderen Morgen haben die Frauen neben den Bahnschienen Mehlsuppe oder sonst was gekocht.

Am Nachmittag wurden wir zurück zum Stadtbahnhof gefahren. Wir waren vorn im vierten Waggon und so war unser Gepäck weit draußen abgeladen worden. Alles mußte zur Kontrolle ins ehemalige Finanzamt. Mit viel Mühe schleppten wir das ganze Zeug bis ans Bahnhofsgebäude, trugen es mühsam über die Böschung und reichten es über den Zaun. Auf dem Bahnhofsvorplatz sollte es von Fuhrwerken abgeholt werden. Diese standen bereit, wollten aber viel bezahlt haben. Da habe ich gewartet, bis einer beordert wurde, uns gratis zu fahren. Es hieß, bei der Kontrolle wird das polnische Geld alles abgenommen. So kaufte ich dafür, was es gerade gab, Brot, Bonbon, Schnaps. Im Hofe des Finanzamtes lagen viel Vertriebene herum. Wir mußten unsere Sachen in ein Zimmer räumen und übernachten. Hasler Paul und Kastner Robert wurden abends noch abgefertigt und konnten weiter reisen. So kamen wir auseinander.

Am Dienstag. 15.10.1946 mußten wir unsere Sachen wieder ca. 200 Meter vor das Eingangstor schaffen. Nach einer Stunde begann die Kontrolle, familienweise, bei 16 Tischen zugleich. Uns wurde folgendes abgenommen: ein Paar fast neue Skischuhe, von Trudel die Fuchsboa und Kleiderstoff. Bei uns war Christa Welzel, Nichte von Trudel aus Heidau, Kreis Ohlau. Sie hatte Schwager Hubert am 2. Juli dort abgeholt. Ihre Geschwister waren schon mit anderen Familien weg. Von Christa nahmen sie auch ein Paar Schuhe. Von Annelies Müssig nahmen sie einen Mantelstoff. Annelies hatte meinen schwarzen Wintermantel an. Bei der Frauenkontrolle in einem Zimmer nahmen sie den Mantel weg und damit auch das Hartgeld in der Manteltasche fort. Der polnische Beamte sagte in klarem Hochdeutsch: "1939 bin ich von den Deutschen kontrolliert worden, jetzt tue ich es bei Deutschen." Nach der Kontrolle wieder stundenlang warten. Gegen Abend wurden wir endlich zum Bahnhof gefahren. Wir kamen in Waggon Nr. 4. Jeder hatte seine Nummer sichtbar zu tragen. 53 Wagen wurden zusammen gestellt, in jedem wieder 35 Personen. Wir hatten diesmal einen größeren Wagen erwischt. Das Gepäck wurde von Prause Robert und Trudel gut gestapelt. Als es schon finster war, fuhren wir endlich los. Öfters wurden wir auf einem Nebengleis abgestellt, die Maschine weg. Auf der letzten polnischen Station, Teublitz, mußten wir raus und wurden gegen Läuse eingepudert. Läuse hatte aber niemand von uns, erst hinterher hat es am ganzen Körper gejuckt!

Auf der ersten deutschen Station Forst, Niederlausitz, russische Zone, bekamen wir Essen. Die Polen verschwanden. Wir konnten unsere Waggonnummern abmachen. Es hieß: "Hier seid Ihr keine Sträflinge, hier seid Ihr freie deutsche Menschen!" Die Fahrt ging über Magdeburg nach Blankenburg (Harz). Am 19.10. kamen wir dort an. Auf freier Strecke wurde unser Gepäck ausgeladen, wir mußten sehen, wie wir weiter kamen, Fuhrwerke waren nur wenige da, die Bauern waren in der Hackfruchternte. Unser Gepäck fuhren wir auf einem vierrädrigen Handwagen mit Gabeldeichsel in das uns zugewiesenen Barackenlager Lessingplatz, eine halbe Stunde vom Bahnhof, in einem schönen Kiefernwald. Dort konnten wir endlich mal baden.

Sonntag, 20.10., mußten die Wagennummern 2 -17 wieder umsiedeln. Den ganzen Tag lag das Gepäck zur Abholung bereit. Erst im Finstern kam ein Trecker mit Anhänger, der uns zur Schloßkaserne der Stadt Blankenburg brachte. In den großen Soldatenräumen stehen wohl noch die Pritschen, aber keine Bretter drin, auch sonst ist nichts da als Schlafgelegenheit. Wir legen uns auf unsere Klamotten. Am anderen Morgen gab es Kaffee, mittags Eintopf mit Kohlrüben und abends wieder Kaffee.

Am nächsten Tag kommen noch ca. 800 Vertriebene aus der Grafschaft Glatz, so sind 1500 Personen hier! In unserer Stube waren etwa 15 Personen. Wir besorgen einen eisernen Ofen und suchen Holz im nahen Obstgarten. Jeden Tag erhielten wir einen Eimer Braunkohle. Das elektrische Licht brannte nicht. Erst am nächsten Tag wurde es von unseren Leuten in Ordnung gebracht. Öfters spielten wir Skat.

Montag, 28.10.'46, Untersuchung vom Lagerarzt. Trudel hat eine Art Stoppelblatter an einer Krampfader und muß alle Tage ihr Bein verbinden lassen. Gotthard hat einen Hodenbruch, erhält Überweisung ins städtische Krankenhaus.

30.10., ich muß zum Lagerführer kommen, da es nicht möglich ist, eine zu große Familie, mit Oma und Christa neun Personen, in einer Wohnung unterzubringen.

Nach einigen Tagen erhalte ich Zuweisung in die Neue Halberstädter Straße Nr. 6, Haus Mühlmann, bei Ehepaar Alberti. Nach einigen Einwendungen (wenig Platz für so viele), mußten sie uns schließlich die angegebenen Räume überlassen, wir sollten ihnen aber eine Zeit lassen. Inzwischen ehe ich zu Bauer Striebing, Mewesstr. 62, arbeiten. Mit seinen Pferden muß ich mal auf die Felder, dann mit ihm Brennholz machen im Walde. Er hatte drei kleine Pferde, denen ich zu jeder Fütterung Zuckerrüben geben mußte. Ich fragte ihn, 0b er mir einen Eimer voll überlassen könnte. "Nein, wir müssen zuviel abliefern!" Jeden Tag hatte ich die Winterjacke mit den geräumigen Mufftaschen dabei. Darin nahm ich jeden Abend etwa zehn Zuckerrüben mit heim zu Sirup.

Am 15.11.1946 zogen wir aus der Kaserne aus und im Hause Mühlmann ein. Abends zuvor hatte ich mit Schwager Hubert einige Schränke umgeräumt. Mit Striebings Pferden fuhr ich zweimal unsere Sachen. Als Räume hatten wir: Schlafstube, Wohnstube, beide heizbar, eine Dachkammer und Küchenmitbenutzung bei Albertis. Fünf Bettstellen hatten wir zur Verfügung. Nächsten Tag, einem Sonnabend, erledige ich bei den Behörden die notwendigen Formalitäten. Zum Schluß mit den Papieren zur Kartenstelle wegen den Lebensmittelkarten. In dieser Zeit hatten wir viel Sorgen mit der Winterfeuerung. Jeden Abend haben wir Holz klein gemacht. Ich hatte einen Kohleschein für 20 Zentner Rohkohle und 4 Zentner Briketts erhalten. Beim Händler war Kohle nicht da, Briketts gesperrt! Brikettbrocken und Staub durfte ich einsacken für 1,20 Mk. An der Rübeländer Straße hatten Albertis und wir vom Forstamt Holzscheine erhalten. wir sägten Kiefernbäumchen ab, die durch Gewehrschüsse verletzt waren. Zwei Meter für uns, einen für die Stadt setzten wir auf. Ein Fuhrmann holte uns alles rein, auch das Stadtholz! Da ich ab 5.12. nicht mehr bei Striebing war, konnte ich jeden Tag im Holz arbeiten. Auch Trudel ging oft mit.

Schwager Hubert war für kurze Zeit mal in der britischen Zone. Bei Tanne, an der Zonengrenze, nahm ihm ein Russe die Uhr, Taschenmesser und Lederhandschuhe ab. Ich gab dem Hubert eine Uhr von mir, da ich zwei hatte. Hubert brachte Trudels Schwester Marichen mit, die in Rehburg wohnte. Da ich in keinem Arbeitsverhältnis stand, bekamen wir keine Lebensmittelkarten. Jeden Abend brachte ich einen vollen Rucksack Brennholz mit. Einmal wies mich der Fahrer zurück, ohne Holz dürfte ich mitfahren. Als letzter stieg ich ein mit dem schweren Holzsack. Die Kinder holten mich mit dem Rodelschlitten am Bahnhof Westend ab. Wir arbeiteten auf dem Bahnhofsgelände in Hüttenrode, je zwei Mann schnitten verschiedene Grubenholzlängen. Jeden Morgen mußten wir erst die Stapel vom Schnee frei machen. War Schneetreiben, daß wir im Freien nicht arbeiten konnten, machten wir uns im Wartesaal an den Ofen und warteten ab.

Vom 29.Januar 1947 an mußte ich mit der Holzfällerkolonne mit zum Silberberg gehen, hoch über Blankenburg. Im tiefen Schnee wateten wir eine Stunde hintereinander und jeder war schon müde, ehe er die schwere Arbeit anfing. Ohne Schnee wären wir in 15 Minuten im Walde gewesen. Jeder Baum mußte erst freigeschaufelt werden, ehe wir sägen konnten. Der Baum fiel in den tiefen Schnee, so mußten wir wieder schaufeln, daß wir Längen schneiden konnten. Mit der mageren Kost geht es mit mir nicht weiter. Mit Kartoffelsuppe, vier schmale Schnitten, dazwischen Erbsen, kein bißchen Fett! In allen Gliedern zwickt es, die Beine zittern, habe Kopfschmerzen. Am 3. Februar gehe ich zum Arzt, Ischias und Magenschmerzen. Da sagte Dr. Haubner: "Im Magen haben wir es alle!"

Ich wollte gern beim nahen Stadtgut arbeiten, da wäre ich als Landwirt doch in meinem Beruf. Deswegen war ich auch beim Arbeitsamt. Zuvor hatte ich mit Herrn Sentner, Chef vom Stadtgut, gesprochen. Falls mich das Arbeitsamt überweist, kann ich bald antreten. Die Röntgenuntersuchung hatte ein gutes Ergebnis: "Sie sind gesund wie ein Fisch im Wasser!" Ich war froh darüber. Meine Magenbeschwerden, Schwindelanfälle und Beinschmerzen waren eben eine Folge von magerem Essen, schwerer Arbeit und dem Schneegewate, jeden Tag dasselbe. Als ich beim Arbeitsamt merkte, daß sie mich behalten wollen als Holzfäller, sagte ich schroff heraus: "Ich will in meinen Beruf, Herr Sentner nimmt mich morgen schon an!" So erhielt ich, nach langem Krankfeiern, am 8. April 1947 die Zuweisung als Landarbeiter auf Stadtgut. Gleich gehe ich hin, erhalte Auskunft über die Entlohnung, je Stunde 61 Pfennig, täglich ½ Liter Milch, ½ Pfund Kartoffeln, diese aber erst nach der Ernte! Am 10.4. fing ich da an.

Öfters bin ich, als ich am Krankfeiern war, mit Oma in die Frühmesse gegangen. Hatten die Mädels mal keine Schule, gingen auch sie gern mit in die Kirche. Die Mädels übten damals in der Kirche singen.

Beim Stadtgut hatte ich gleich die ersten Tage schwere Knochenarbeit, Buchenholz hacken, Ställe ausmisten, Kunstdünger von den harten Haufen mit der Kreuzhacke locker hauen. Am 12.4. bekam ich ein Pferdegespann und konnte auf dem Felde arbeiten. Ich hatte nichts zum Essen dabei. Der Kutscher Fritze gibt mir seines, Graupe mit Kartoffeln und Fleisch! Gerne hätte ich weiter mit Pferden gearbeitet, mußte aber nach einigen Tagen wieder harte Arbeit tun. Meine Hände schmerzten sehr. Als sie sogar anschwollen, ging ich zum Arzt. Er schrieb mich wieder krank! Einreibung und Bandagen.

Trudel, Schwager Hubert und ich besuchten in dieser Zeit mal unseren lieben Pfarrer von Lewin, Hermann Jünschke, in Hüttenrode. Er hatte nur ein kleines Zimmer, in dem er mit seiner ehemaligen Haushälterin wohnen mußte. Zwei Betten, dazwischen ein Tisch. Die Kleidung hing an der Tür oder lag in einer Ecke. Während Trudel sich mit der Wirtschafterin unterhielt, spielten Hubert und ich mit dem Pfarrer Skat. Dann lud er uns in Dorfgasthaus zu einer Tasse Kaffee ein. Pfarrer Jünschke hatte sich über unseren Besuch sehr gefreut. Er machte auch mal in Blankenburg zehn Tage Vertretung, als unser Pfarrer verreist war. Pfarrer Jünschke besuchte uns auch in der Neuen Halberstädter Str. Nr. 6. Er war sehr hinfällig geworden, sehr mager. Er hatte eben auch wenig zum Essen!

In der Zeit des Kartoffelsetzens hatte ich jeden Tag den kleinen Rucksack mit, in dem Gotthard den Nachttopf trug, als wir von Tassau weg mußten. Einmal mußte ich zum Dominium Bansdorf mitfahren, Kartoffeln aufladen. Dabei fragte ich den Woska, der im Keller dabei stand, ob ich mir einige Kartoffeln nehmen dürfte. Er konnte es nicht erlauben. dann, als er mal weg war, machte ich mir das Säckchen voll und trug es zum Kutschersitz. Den größten Fang machte ich aber, als wir mit den Gespannen am Stadtgut Frühstückspause machten. Einige Male habe ich das Säckchen vom Wagen aus gefüllt und unter die Ziersträucher gekippt. Die Mädels trugen sie mit großer Freude ins Haus. Einen Teil der Kartoffeln mußten wir in den Keller im Stadtgut tragen. Jeden unbewachten Augenblick nutzte ich, um durchs Kellerfenster Kartoffeln auf den Rasen zu schmeißen. Ursel und Maria holten sie später mit Eimern ins Haus. Als ich mal im Hofe beschäftigt war, holte ich aus dem Schweinedämpfer einige von den größten Kartoffeln. Hinter mir schrie der Schweinemeister: "Wenn das jeder machen würde, hätten die Schweine nichts zu fressen!" Ich habe aber weitergemacht, hatte so 1 ½ Pfund. Und bei dem Bauer Striebing, wo ich einige Wochen gearbeitet hatte, haben wir Kartoffeln geholt - gestohlen! Trudel, Herr Alberti und ich waren dreimal dort im Keller, im Hinterhof. Auch Schwager Hubert war mal mit. Wir rafften von den dicken Kartoffeln soviel in jeden Sack, was jeder tragen konnte. Striebing hatte einen scharfen Hofhund frei herum laufen, so mußten wir dann nach Kartoffeln gehen, wenn der Wind vom Hunde herkam. Es ging immer gut. Die Säcke mußten wir über die Mauer zum Nachbarn heben, von der Seite waren wir auch eingestiegen. Als die Leute aus dem Kino kamen, gingen wir mit den Säcken heim. Mit Alberti ging ich im Finstern in den ehemaligen Park, der jetzt meist mit Gemüse bepflanzt war. Ich hatte den großen Rucksack mit. Zuerst gingen wir mal die ganzen Gänge durch. Es regte sich aber nichts. Da fingen wir an zu sammeln. Ich rupfte einfach die Erbsen mit dem Kraut in den Sack. Dann ertappten wir noch Mohrrüben. Diese waren sehr klein, es hatte lange nicht geregnet. Glücklich daheim, hat Oma gleich die Erbsenschoten in der Waschküche abgepflückt. Öfters sagte Oma, wir sollen dich nicht stehlen gegen. "Was sollen denn die Kinder denken, was wird aus ihnen?!" Aber wir haben alles nur getan, weil wir Hunger hatten, nie recht satt wurden. Ich habe alles mal dem Pfarrer in der Beichte gesagt. Sein Empfehlung: "Beten wir, daß sich diese Hungerzeit zum Guten wendet!" Ende Juni waren die Erbsen reif. Etwa 30 Frauen pflückten, auch Trudel. Sie hatte den einen Tag 245 Pfund und erhielt dafür über 48 Pfund. Auch Ursula war mal mit. In dieser Zeit haben wir jeden Tag 10 Stunden und länger gearbeitet.

Am 6.Juli 1947 war Marias Erstkommunion. Gotthard war in dieser Zeit etwa 14 Tage im Krankenhaus wegen Hodenbruch. Am 7.7. wurde er entlassen. Mit Schwager Hubert hatte ich geplant, nach Westen zu gehen. Nach Feierabend ging ich zum Chef vom Stadtgut, sagte ihm, ich hätte von meiner Schwester ein Telegramm bekommen, daß mein Vater schwer krank ist. "Wo wohnt Ihr Vater?" Ich sagte ihm, in der Nähe von Hannover! Das war aber nicht war. Mein Vater war bei Schwager Sellený in Dolný Rybniky, bei Nachod, Tschechei! Sentner sagte: "Gott oh Gott, jetzt wo die Wintergerste reif ist, fehlt jede Kraft. Wie lange sind Sie weg?" Ich sagte, so vier bis fünf Tage.

Am 10.7. fuhren wir bis nach Tanne. Von dort nach Braunlage waren die Bahngleise verrostet und mit Unkraut verwachsen. Kein Zug fuhr mehr! Nach einigen Kontrollen waren wir mit dem schweren Gepäck nach über einer Stunde Fußmarsch, bei großer Hitze, endlich in der britischen Zone. Wir hatten einige Gänge zu erledigen bei Behörden, wollten Aufenthaltsgenehmigung. Für ein Stück Brot von Hubert gab uns der Lagerleiter die Aufenthaltsgenehmigung! Nach längerem Warten und öfterem Umsteigen kamen wir in Rehburg an. Dort war meine Schwester Friedel und Huberts Schwester Marichen mit ihren Familien. Wir übernachteten in Rehburg und fuhren am nächsten Tag zu Trudels Bruder Josef, der in Neuenheerse bei evangelischen Schwestern als Gärtner war. Hubert nimmt die Gelegenheit wahr, fährt mit einem Auto nach Bremen. Er will dort die Leute besuchen, bei denen er im Kriege gewohnt hat. Am nächsten Tag, 14.7., war Hubert wieder zurück aus Bremen. Er hat unterwegs einen Handel gemacht - für eine Flasche Schnaps 100 Feuersteine! Keiner taugte etwas! Es waren Stückchen von Fahrradspeichen!

Nach einigen Besprechungen entschließen wir uns, nach Bettenhausen zu fahren. In einem Kloster der Salesianer ist Trudels Vetter, Richard Hauffen (Sackisch) Präfekt. Eine größere Landwirtschaft soll dabei sein. Wir wurden sehr freundlich aufgenommen und bewirtet und blieben über Nacht. Richard hat aber vor einigen Tagen eine sudetendeutsche Bauernfamilie eingestellt. So war auch hier keine Bleibe für mich. Richard wollte uns zum Bahnhof fahren, hatte aber die Pferde nicht da. Wir erhalten einige Reisebrote. Mit einigen Zugverspätungen, herumsitzen in der großen Hitze, telefoniere ich Schwager Josef in Neuenheerse an. Er holt uns mit dem Pkw zu sich. Da nirgends eine Möglichkeit besteht, eine Arbeit zu finden, geschweige für die ganze Familie auch Wohnung, bin ich fest entschlossen, sobald wie möglich nach Blankenburg zurückzufahren. Josef gibt mir den Rat, ich als Wachmann in der Strafvollzugsanstalt Westerntumke, bei Tarnstedt, zu bewerben. Über Bremen mühe ich mich, mit den bekannten Unterbrechungen, um dorthin zu kommen. Immer habe ich den schweren Rucksack mit der Arbeitskleidung bei mir. Auf den Bahnhöfen liegen die Menschen zum teil auf ihren Klamottenbündeln, ruhen sich aus, wollen weiter. Der Schwarzhandel blüht. Z.B. für eine 500 Gramm Brotmarke 12,- RM!

Am 18.7. war ich endlich dort im Büro in Westerntumke. Die erste Frage des Beamten war, ob ich eine Bescheinigung hätte über meine Endnazifizierung. Diese sollte jeder Bewerber haben, um sicher zu gehen, daß nicht eingefleischte Nationalsozialisten als Bewerber auftreten. Ich sage dem Mann die Wahrheit: "Ich war in keiner Partei!" Er darauf: "So sagt jeder!" Die sonstigen Bedingungen zur Einstellung als Wachmann waren annehmbar, aber die russische Zone, in der sich unsere Wohnung befindet, ist ein unüberwindliches Hindernis. So gehe ich wieder zurück. Vor der Abfahrt mit der Kleinbahn wollte ich mich rasieren lassen, da ich aber keine Seife dabei habe, wird nichts. Ich entschließe mich nach der Insel Borkum zu fahren, wo so viele Tassauer sind. An den Knöpfen meiner Weste zähle ich ab, ob ich fahren soll! Es heißt: Ja!

Von Emden aus fahre ich das erste Mal auf einen Schiff. Bei herrlichem Sonnenschein ist dies ein einmaliges Erlebnis für mich. Ich bin ausgehungert. Ein Mann gibt mir ein Stück Brot und Marken, daß ich eine Mittagsmahlzeit essen konnte. 46 km, drei Stunden Dampferfahrt. Am Hafen umsteigen in die Kleinbahn, die uns in die Ortschaft bringt. Am Bahnhof. Die Marichen, Frau von Welzel Josef ist mit ihren Kindern da. Sehr herzliches Begrüßen. Auf beiden Seiten große Freude übers Wiedersehen. Bei Welzel kann ich mich endlich wiedermal satt essen. Alle sind gut genährt. Dann zu Schwägerin Martha Hanisch. Sie ist über Tag mit ihren Töchtern Lenchen und Maria in Arbeit, esse bei ihnen noch mal! Wie ein Lauffeuer hat es sich rumgesprochen, daß ein Tassauer da ist. Sie wollen wissen, wie es bei ihnen daheim jetzt aussieht, seit sie im März aus ihren Häusern mußten. Einige Mal spiele ich Schafkopp mit Welzel Robert, Welzel Josef, Schleicher Ida, Scholz Oswald. Mit Schwägerin Martha Hanisch und ihren Töchtern Lenchen und Maria steigen wir die 300 Stufen hoch auf den Leuchtturm, können die ganze Insel übersehen.

Am 22.7.1947 war Firmung auf Borkum. Bischof Berning - Osnabrück kam auch ins "Flüchtlings"lager. Dort war ein Podium aufgestellt. ¾ Stunde sprach der Bischof zu den Vertriebenen: "Wenn es in unserer Heimat die Berge waren, so sind es hier die Dünen und das weite Meer, an dem wir uns erfreuen können. Kein Staat hat das Recht, das Unrecht der Vertreibung nachzumachen. Wenn keine Einigkeit unter den Siegermächten, dann kein Friede!"

Am 24.7. mache ich mich wieder auf nach Blankenburg. Wie auf der Herfahrt sind die Züge überfüllt. Von Braunlage aus geht der Zug ja nicht weiter. Bei 35° Hitze mache ich mich auf den Weg, Richtung Zonengrenze. Einige Male setze ich mich an den Straßenrand auf den schweren Rucksack, bin sehr müde. Der Schweiß kommt durch die Ärmel meiner Jacke. Ein Bauer mit Traktor hatte Erbarmen, er nahm mich mit bis zu seinen Feldern an der Zone. Hinter der Grenze gehe ich auf der Straße weiter. Ein junger Polizist hielt mich an. Er läßt mich aber ungeschoren, als ich ihm erzähle, daß ich Arbeit suchte im Westen und im Rucksack Arbeitsklamotten habe. Kurz vor dem Bahnhof Tanne ließ ich mich rasieren. Ein russischer Soldat saß dort mit Karabiner. Auch er ließ mich in Ruhe. Es war kurz vor 11 Uhr. Der nächste Zug nach Blankenburg fuhr erst um ½ 6! Kaufe zwei Flaschen Selter und esse trockenes Brot dazu. Dann lege ich mich neben dem Bahnhof auf den Rasen und schlafe bald ein. Erst um ½ 7 kam der Zug. Um 8 Uhr war ich endlich am Westend-Bahnhof Blankenburg. Trudel, Ursel, Maria und Lenchen holten mich ab. Ich war ehrlich froh, wieder bei meiner Familie zu sein. Alle freuten sich sehr, daß ich soviel Brot mitbrachte. Meine Schwester Elfriede, die mit ihrer Familie in Rehburg in der britischen Zone wohnte, sandte uns zwei Pfund Mehl und Haferflocken. Mutti war wieder nach Kartoffeln aus in Langenstein. 16 Pfund Frühkartoffeln brachte sie, wohl noch sehr klein. Wir gaben die Hälfte der Schwägerin Gretl.

Am 26.7. stelle ich mich um ¾ 6 wieder bei der Arbeitskontrolle im Stadtgut an. Gleich entschuldige ich mich bei Herren Sentner für mein langes Fernbleiben. Er sagt: "Ich habe für Sie keine Arbeit mehr und in der Krankenkasse abgemeldet." Erst als der Betriebsrat Hartzer zu mir sagt: "Sie sind entlassen!" gehe ich heim und gleich zum Arbeitsamt. Das war heute geschlossen.

Ich helfe Trudel Bettstellen umbauen, da Frl. Mühlmann Besuch bekommt. Nachmittags gehe ich mit den Mädels Ähren auflesen. Oma macht auf dem Balkon gleich immer die Ähren auseinander. Weizen oder Gerste wird dann zweimal mit der Kaffeemühle gemahlen und davon Brot gebacken.

Einige Male war ich bei der Gewerkschaft um Rat, was ich tun soll. Darauf fing ich am 28.7. wieder auf dem Stadtgut an, meist Erntearbeiten. Das Getreide war meist lose, da kein Bindegarn zu kriegen war. Öfters bekam ich ein Gespann in die Hand.

 

  

Ehepaar Allberti
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