Von Blankenburg nach Forst
18.Mai. Da es durch die Umsiedlerlager nicht möglich ist, haben wir folgenden Plan: Trudel, die Kinder und Oma gehen über Tann "schwarz" über die Grenze, ich mit dem Gepäck bei Helmstedt über die Zone, falls es mit dem Lastauto aus Hannover klappt. Trudel fängt mit Packen an. Ich hole Frachtbrief und Anhänger vom Bahnhof. Nachdem ich sie ausgefüllt habe, lasse ich sie vom Bürgermeister unterschreiben und stempeln. Trudel ist mit Packen beschäftigt. Die Betten packt sie zuletzt weg. Bis zur Abreise müssen wir uns eben begnügen mit weniger Bettzeug. Trudel geht nochmal zum Spediteur Ilies. Ausnahmsweise will er in der Woche nach dem 30. Mai unsere Sachen mitnehmen.
22. Mai 1948. Ich gehe wieder mit den Mädels in die Frühmesse. Bei Kaufmann Körner sehen wir das Auto aus Hannover stehen. Der Fahrer schläft im Auto. Ich klopfe ans Fenster und frage ihn. Er will uns heute mitnehmen über die Zone! So lasse ich die Kinder allein zur Kirche gehen und laufe schnell heim. Trudel ist ganz bestürzt, daß es nun auf einmal losgehen soll. Ich melde mich bei der russischen Kommandantur und bei der Polizei mit meinem Interzonenpaß ab. Dem Russen lege ich noch unseren Frachtbrief vor zum Stempeln. Er sagt, das brauche ich nicht. Trudel besorgt für Oma und für sich und die Kinder die polizeiliche Abmeldung. Ich gehe nochmals zum Fahrer, gebe ihm die Flasche Schnaps, die Trudel als Zuteilung erhielt. Er will gegen 1 Uhr bei uns sein. Gehe nochmal hin um diese Zeit, dann fährt er bis zur Wohnung, Neue Halberstädter Str. Nr. 6. Bittner August aus Jauering, der die Wohnung haben will, hilft die Sachen runter zum Auto tragen. Auch die Kinder helfen alle. Um 14.oo Uhr geht die Fahrt los! Es ist wenig Platz im Wagen, viele leere Fässer. Außer den vielen Säcken und Bündeln haben wir die große Truhe von daheim, mit den Holzrädchen vollgestopft. Sie ist sehr schwer. Der Fahrer hilft gut.
Auf der Autobahn fahren wir bis zum Zonenübergang. Kurz zuvor trinke ich mit dem Fahrer in einer Raststätte ein Bier. Als wir dann vor der russischen Kontrolle sind, macht der Fahrer die Türen am Auto auf. Der Russe sagt nur: "Muß zurück!" Der Fahrer: "Ich hab mir's wohl gedacht, daß ich mit Euch Scherereien haben werde!" Wir luden einige Säcke ab und die Kinder herunter vom Wagen. Ich hatte alle Papiere in der Hand und lief dem Russen nach. Aber der besah mich nicht mehr. Andere Autos wurden kontrolliert, der Schlagbaum hoch und wieder runter. Nach einer Weile kam der Fahrer: "Wo steckst Du denn, bald einladen!!" "Wie kommt das denn?" frage ich. Da sagt er: "Frag nicht so dreckig, einladen!" Bald ging es los und bald hielt er wieder an, diesmal am britischen Schlagbaum. Ein Posten sah in den Wagen, als der Fahrer geöffnet hatte. Der sagte: "Laßt mir bloß den Mann mit den vielen Kindern in Ruhe!" So ging es bald weiter. Nicht lange! Wieder hielt der Wagen. "Ist es denn noch nicht aus?" sagte ich. Der Fahrer war allein an den offenen Türen. "Das ist mir noch nicht vorgekommen, keinen Sack aufgeschnitten und keine Papiere kontrolliert. Macht mal etwas Ordnung und betet den Rosenkranz." Der Fahrer hatte dem Russen zehn Zigaretten gegeben!!!
Auch ein dritter Schlagbaum, vom Amerikaner, war noch zu sehen. Er war immer hoch, denn was der Russe durchließ, durfte beim Ami auch ohne Kontrolle durch. Der Fahrer lud uns, wie vereinbart, am Hauptbahnhof in Hannover ab. Wir wollten unsere Sachen in der Gepäckaufbewahrung abgeben, sie nahmen aber nichts, alles voll! So stapelten wir außen an der Wand die Sachen hin. Das Dach darüber war durch den Krieg nicht mehr da. Oma und die Kinder brachten wir im ehemaligen Luftschutzbunker des Hauptbahnhofs unter. Sie erhielten dort auch etwas zu essen und trinken. Die diensthabenden Frauen vom Diakonischen Werk hatten dort viele zu versorgen. Trudel und ich haben abwechselnd geschlafen auf unserem Gepäck. Wir mußten sehr aufpassen, denn es wurde viel gestohlen. Es war eine fast schlaflose Nacht für uns!
Sonntag, 23. Mai 1948. Trudel geht um 5 Uhr in den Bunker, zieh die Kinder an. Sie wollen nach Rehburg fahren, da Robert Welzel heute Erstkommunion hat. Nach langem hin und her fährt uns der Spediteur die Sachen zum Güterbahnhof. Alle Teile haben Anhänger "Hannover - Karden Mosel". Ich gebe den Frachtbrief ab. Morgen geht alles ab. Da wir heute nach Rehburg nicht kommen können, weil sonntags kein Zug nach Wunstorf fährt, benutzen wir die Elektrische nach Wülfel. Wir wollen Familie Müssig in Wilkendorf besuchen. Als wir gegen 11 Uhr dort ankommen, werden wir mit Freuden begrüßt und gleich bewirtet. Am nächsten Tag endlich nach Rehburg. Trudel und Oma blieben bei Hermann Welzel, ich und die Kinder bei meiner Schwester Friedel und ihrer Familie über Nacht. Am nächsten Tag trafen wir viele Bekannte aus der Lewiner Gegend.
Am 26. Mai früh fahren wir endlich los. Mit dem ersten Zug ½ 6 nach Wunstorf. Wir haben schwere Koffer als Handgepäck, die wir als Handgepäck aufgeben. Erst um ½ 10 abends sind wir in Karden. Damals fuhr kein Bus, so wollten wir mit den schweren Koffern zu Fuß nach Forst gehen. Als wir an den letzten Kardener Häusern waren, fing es stark zu regnen an. Ich ging zurück ins Dorf, um ein Unterkommen für die Nacht zu finden. Ein Gastwirt stand in der Tür, den sprach ich an. Dort konnten wir übernachten! Gasthaus zum Rebstock! Ich holte gleich Trudel mit den Kindern und die Koffer. Wir erhielten Kaffee und Brot. Ein Zimmer mit zwei Betten hatten wir, aber wir waren froh, gute Menschen gefunden zu haben.
27. Mai, Fronleichnam. Nach dem Frühstück gehen wir alle ins Hochamt in Karden. Ich hatte am Telefon an der nahen Poststelle Bescheid sagen lassen, ob uns jemand abholen könnte. Wir machten die Prozession mit, danach war ein kleiner Lieferwagen da, der uns nach Forst brachte. Frau Junglas sagte, es wäre ihr lieber gewesen, wir wären überhaupt nicht gekommen! Es hätten sich schon Verschiedene beworben, auch hätte sie gehört, daß sich Ortsvertriebene schlecht bewährt hätten. Sie hatte also wenig Lust, mit uns anzufangen. Ich sage ihr wie damals im März, daß ich das Möglichste tun werde, daß sie zufrieden mit uns ist.
Am nächsten Tag fingen Trudel und ich gleich mit dem Ausräumen der Bude über den Ställen
an, "Dippo" genannt. Über 30 Zentner Zement, 25 Rollen Koppeldraht, zehn alte Pferde Kummete und viel Kleingelumpe liegen darin. Es muß alles die wackelige Treppe herunter getragen werden. Die Fenster sind zum Teil kaputt, keine elektrische Leitung ist in Ordnung. Einige Drahtbettstellen stehen da, aber nur eine ist zu gebrauchen.
Herr Ternes, der Bruder von Frau Junglas kommt. Wir unterhalten uns über die Zukunft des Betriebes. Auch Herr Kaufmann von nebenan ist da, ein Schwager von Frau Junglas. Er sagt, ich soll den Betrieb pachten! Das ist heute noch zu früh, ich muß mich erst eingewöhnen, Land und Gebräuche kennenlernen. Mit meinen Papieren gehe ich zum Ortsbürgermeister wegen Anmeldung. Er schickt mich nach Treis zum Amt. Dort klappt es auch nicht, erst nach Eingang der Zuzugsgenehmigung. Auch die Kinder wollte ich zur Schule anmelden. Sie ist geschlossen, kein Lehrer da. Ferien!
Vom Nachbarn holen wir einen Herd. Zwei Fensterflügel lasse ich beim Schreiner verglasen.
Trudel weißt die Räume! Am 31.Mai fange ich endlich an, mich um die Landwirtschaft zu kümmern. Peter Höfer, Pfaffenhausen, der bisher die Pferde versorgte und die Feldarbeiten machte, geht mit einem Pferd in die nahe Schmiede, Eisen aufschlagen lassen. Pferdekissen gibt es hier nicht, sie wären beim Sattler in Brohl bestellt. Die Pferde sind aufgescheuert. Für drei Zugpferde ist nur ein Gebiß (Zaum) in Ordnung.
1. Juni 1948. Hole unsere Sachen in Karden ab mit Zweispänner Kastenwagen. Ursel war mit. Zurück über Pommern. Wenn Peter die Pferde beschäftigt, sehe ich im Hofe und dahinter nur Unordnung. Kaum ein Tor oder ein Türchen ist in Ordnung. Ich mache den Grasmäher zurecht. Der war total versaut. Nach dem letzten Mähen einfach in die Ecke gestellt. Mit Mühe kann ich endlich das Messer aus dem Mähbalken heraus kriegen, nur zentimeterweise, total verrostet. Ich stehe meist um 5 Uhr auf, Pferde füttern und putzen, dann allein frühstücken. Ich sage zu Frau Junglas, daß ich im Aufstehen, Essen und Arbeitsbeginn Ordnung haben möchte, sie gibt mir Recht. Peter hat daheim gefrühstückt, geht gleich Klee mähen. Ich hole dann das Grünfutter mit dem Pferdewagen. So geht es jeden Morgen. Am 8. Juni gehen die Kinder das erste Mal in Forst in die Schule.
Nach und nach lerne ich die Grundstücke kennen, die zum Hof gehören. Neben einigen großen Feldern, viele schmale Streifen, wo noch Obstbäume drin stehen. Am schwierigsten ist es über Pfaffenhausen, den Berg rauf. Sehr steiniger, löchriger Weg. Der Pferderechen steht da, mit abgebrochener Deichsel, mache beide neu. Ich muß feststellen, daß die Pferde schlecht ziehen. Nur auf die alte Stute "Mena" ist Verlaß. Als wir das erste Heu holen wollen, bekommen wir keinen Leiterwagen zurecht, Leitern sind unbrauchbar in diesem Zustande.
Die Wasserversorgung kommt von einem Brunnen im Keller. Ein Elektrometer treibt eine Pumpe an. Diese pumpt in einen großen Kessel. So war die Wasserversorgung gut, auch am Zementtrog im Hofe war ein Wasserhahn. Jeden Tag wurden die Pferde dort getränkt. Auch in der Weidezeit das Rindvieh. Im Winter tränkten wir das Vieh von dem Kran aus der Futterküche. Anfang Juni klappte der Motor einige Tage nicht. Ich führte die Pferde zu Kaufmann zum Wassertrog. Auch die Kühe trieben wir in diesen Tagen zu Kaufmann und holten in Eimern das sonst benötigte Wasser dort. Drei Wiesen waren eingezäunt. Wasser gab es in keiner. Koppeldrähte und Pfähle an vielen Stellen kaputt, die Kinder mußten oft Obacht geben, daß kein Tier wegläuft.
Der 20. Juni 1948 war für uns ein schlimmer Tag. Währungsreform! Für 100 Reichsmark erhält jede Person 40,- Deutsche Mark und in zwei Monaten nochmals je 20,- DM. Da wir noch keine Zuzugsgenehmigung für die französische Zone haben, sind wir auch polizeilich nicht gemeldet. So erhalten wir auch kein neues Geld! Und die Reichsmark ist ungültig! Frau Junglas gibt uns abends für 2,- Mk 10-Pfennig-Stücke, diese gelten noch. Trudel Cousin schickt uns 20,- DM. Er ist Salesianer-Pater in Schlüchtern. Von Frau Junglas erhalten wir 6,- DM für morgen.
Am 23.6. gehe ich zeitig nach Karden, fahre mit der Bahn nach Cochem. Wegen der Zuzugsgenehmigung war ich beim Landratsamt, Landwirtsschafts- und Flüchtlingsamt. Ich ließ mich mit einem Kahn über die Mosel nach Cond fahren für 5 Pfennig! Dort beim französischen Kommandanten sagt man mir, daß mein Antrag am 15.4. nach Koblenz gesandt würde. Gehe von Cochem zu Fuß heim nach Forst, drei Stunden! Bin dann bettreif!
Am Sonntag, 25. 7. wurde in der Kirche für Ostflüchtlinge gesammelt. Pfarrer Schreiner bringt uns abends 20,. DM. Einige Tage später nochmal 20,- DM! Am 10. Oktober bringt er uns wieder Geld, diesmal 50,- DM! Am 1. September meldet uns Frau Junglas in der Krankenkasse an. Am 23. September wurde uns mitgeteilt, daß die Zuzugsgenehmigung abgelehnt ist! Ich gehe damit zu Pastor Schreiner. Er will sich beim Amt in Treis erkundigen. 26. September, ein Sonntag, fahre ich mit einem Fahrrad nach Karden zu Amtsbürgermeister Herlot. Er sagt mir, daß zum 1. Oktober 1948 die Machtbefugnisse der Franzosen in deutsche Hände übergehen. Mutti liegt drei Wochen im Bett, hat ein offenes Bein. Nach einigen Tagen macht sie den ersten Spaziergang, wir führen sie untergehakt, alle gehen mit. In der Rübenernte war sie dann jeden Tag mit auf dem Feld.
Meine Schwester Maria Sellený, die ja mit ihrer Familie in Dolný Rybnici ist, wo auch mein Vater lebt, bittet in einem Briefe, wir sollen die Zuzugsgenehmigung für den Vater beantragen. Er möchte gern zu uns nach Deutschland. Kurz danach ist er verstorben!
Am 23. Oktober wieder nach Cochem zum Übersetzungsbüro Pies, wegen Aufenthaltsgenehmigung in Deutsch und Französisch...
Weihnachten 1957 in Forst v.l.n.r.: Trudel, Gotthard, Heinrich, Heini, Herbert, Martha mit Sohn Josef Hanisch, Alois, Hildegard Hanisch mit Renate, Helene, Gerhard Hanisch, Maria